Über Orte – Zum Beispiel Duisburg

Duisburg zum Beispiel. Ist so ein Ort. Ein Platz, mit dem ich viele Erinnerungen verbinde, der mittlerweile jedoch im öffentlichen Bewusstsein und auch für mich seine Bedeutung völlig verändert hat. Ich war etwa acht Jahre alt, als wir einen Familienausflug von Hannover aus zu Verwandten meines Vaters in Duisburg machten. Das war Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch eine richtige Reise, für meinen Bruder und mich vor allen Dingen eine völlig unbekannte Welt. Ich erinnere mich an so gut wie gar nichts. Aber ein Erlebnis hat sich in meine Netzhaut eingebrannt. Wir standen am Ufer eines Flusses, wahrscheinlich war es die Ruhr, hinter uns eine Kokerei oder ein Stahlwerk. Plötzlich stieß dieses Monster mit Getöse eine riesige Wolke giftgelben Rauches aus einem Schornstein, der die gesamte Gegend einnebelte. Als Landei aus einem niedersächsischen Dorf war schon die Industrie in Duisburg so etwas wie ein Paralleluniversum, aber dann dieser Rauch – in dieser Farbe. Einfach irre! Nicht nötig zu erwähnen, dass niemandem damals auch nur der Gedanke an gesundheitliche Gefahren und die Notwendigkeit von Filteranlagen oder dergleichen Schnickschnack kam. Deutschland war halt mit dem Wiederaufbau beschäftigt.

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Wut, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit: die Arbeiter des Krupp-Stahlwerks an der Brücke über den Rhein.

Über dreißig Jahre später, 1988, bin ich wieder in Duisburg. Die Erzählungen meines hochgeschätzten Professors Jörg Boström über seinen Einsatz, gemeinsam mit Roland Günther, zum Erhalt der Bergarbeiter-Siedlung in Oberhausen-Eisenheim, hatte meine Neugierde auf den Ruhrpott und die Menschen dort neu entfacht. Die sogenannte Stahlkrise hat das Ruhrgebiet in Aufruhr versetzt. In Duisburg-Rheinhausen soll das dortige Stahlwerk geschlossen werden. Am 10. Dezember 1987 besetzen Arbeiter die Brücke über den Rhein zum Stadtteil Hochfeld; während des ganzen Winters 1987/88 folgen große Demonstrationen gegen die Schließung des verbliebenen Hüttenwerks. Am 20. Januar 1988 dann ziehen 50.000 Stahlarbeiter aus über 60 Hüttenwerken zur Brücke und benennen sie symbolisch in „Brücke der Solidarität“ um, ein Begriff, der sich mittlerweile eingebürgert hat. Meine Erinnerungen an diesen Tag: Es gibt keinen Friseur, keinen noch so kleinen Laden in Rheinhausen und Umgebung, der nicht mit Solidaritätsadressen geschmückt ist. Es liegt eine ungeheure Spannung in der Luft, der Gemütszustand der Stahlkocher schwankt irgendwie zwischen unbändiger Wut auf „die da oben“ und Sorge um die Zukunft des Arbeitsplatzes, der Familie, der Kinder. Ein Arbeiterpfarrer, der heutige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Nicolaus Schneider,  redet ruhig mit den Männern, versucht auszugleichen. Ich gebe zu, ich bin zwiespältig. Die Fahrt durch Duisburg bei diesigem Winterwetter – da fragt man sich schon, was einen hier hält. Nichts als Industrie, Lärm, Gestank, Umwelt-verschmutzung. Auf der anderen Seite imponiert mir der Menschenschlag hier und ich empfinde eine riesige Faszination für dieses industrielle Herz Deutschlands und die Vorstellung, welche ungeheuren Mengen Stahl hier produziert wurden und werden, für Eisenbahnschienen, Brücken, Gebäude – und Waffen. Der Zwiespalt verschwindet, wenn ich in die Gesichter der Arbeiter schaue. Ich bin auf ihrer Seite.

Wieder 25 Jahre später: Ein neuer Besuch in Duisburg zusammen mit meiner Frau. Eigentlich wollen wir Benjamin, unseren Sohn, besuchen, der hier studiert. Aber wir sind nicht schnell genug; er besucht seine Freundin in München. Immerhin haben wir dadurch seine Wohnung für uns. Der erste Besuch soll natürlich zur Brücke führen, doch da regt sich nichts. Zweieinhalb Jahrzehnte sind eine lange Zeit, das Stahlwerk, dessen Schließung nicht verhindert werden konnte, ist einem Logistik-Terminal gewichen. In den zwei Tagen, die wir in Duisburg sind, komme ich noch oft auf meinen oben beschriebenen Zwiespalt zurück.

Silhouette eines Stahlwerkes in Duisburg, Germany | Silhoutte of a steel mill, Duisburg, Germany (ACHIM WERNER)

Silhouette eines Stahlwerkes in Duisburg, Germany | Silhoutte of a steel mill, Duisburg, Germany (ACHIM WERNER)

 

 

Nur wenige Hundert Meter von seiner Wohnung entfernt hat sich ein Jahr zuvor die Love-Parade-Katastrophe mit über 20 Toten ereignet. Das kapiere ich allerdings erst auf den zweiten Blick. Im Vorbeifahren denke ich zunächst, hier hat es einen Unfall gegeben, deshalb stünden dort so viele Kerzen. Dann kommt ganz schnell  die Erkenntnis, dass „es hier passiert ist“ und irgendwie packt mich das Grauen. Später versuche ich, mich dem Grauen mit der Kamera zu nähern. Es ist ein schöner Sommertag.

Sicht aus dem dunklen Tunnel auf die Rampe, die der einzige Zu- und Ausgang bei der Loveparade 2010 in Duisburg war. Bei einer Massenpanik im Tunnel und dem Versuch über die Rampe zu entkommen, starben 21 Menschen, über 500 wurden verletzt, davon 41 schwer. Heute ist es Wallfahrtsstätte für Überlebende und Angehörige. | Memorial place for the people who died on 24 July 2010 at a stampede at the Love Parade, electronic dance music festival in Duisburg, North Rhine-Westphalia, Germany (ACHIM WERNER)

Wenige Menschen in der Nähe und ich fühle mich trotzdem unwohl. Und wirklich unglaublich: Junge Menschen haben sich durch diese düsteren stinkenden Tunnel schieben lassen, um einer Kultur zu frönen, die viele offenbar nur bekifft oder besoffen ertragen können. Ich sage das nicht, um die Opfer zu verhöhnen. Und wer bin ich eigentlich, über fremdartige Kulturen zu urteilen. Meine Kinder hätten unter den Besuchern, unter den Opfern sein können. Meine Wut hat einen anderen Ursprung: Haben die Toten hier etwas mit den Stahlarbeitern zu tun, die für ihre Arbeitsplätze kämpften, vor 25 Jahren? Ich denke ja. Sie sind tatsächlich auf dem Altar der Marketingbemühungen der Stadtverwaltung geopfert worden. Die sah endlich eine Chance, das Image der Verlierer- der Malocherstadt abzulegen. Der Stadt, der Region, die man mit einem unrasierten pflegelhaften Bullen Schimanski verbindet.\r\n\r\nJetzt sollte die hippe Jugend der Welt, der es vermutlich völlig egal ist, wo sie feiert, Duisburg mal eben einen neuen Anstrich verpassen. Die Stadt marschierte schnurstracks in die selbstgestellte Falle. Und die Verwaltung, an ihrer Spitze ein so bemühter wie überforderter Bürgermeister, ließ sich von einem geldgeilen Sonnenstudiokettenbesitzer (oder waren es Friseursalons?) in diese schlecht vorbereitete Veranstaltung drängen. Unsere doch so gelobte Infrastruktur und Verwaltung – Alle haben hier versagt. Die Polizei, die von ihrem hübschen Hauptquartier 10 Minuten zu Fuß gebraucht hätte? Alle unfähig!

Blick auf die Treppe, über die Besucher der Loveparade 2010 in Duisburg versuchten, der Massenpanik auf der zum Festivalgelände führenden Rampe zu entkommen. Es starben 21 Menschen, 500 wurden verletzt, davon 41 schwer. Heute ist es Wallfahrtsstätte für Überlebende und Angehörige. | Memorial place for the people who died on 24 July 2010 at a stampede at the Love Parade, electronic dance music festival in Duisburg, North Rhine-Westphalia, Germany (ACHIM WERNER)

Und warum das Alles? Wie gesagt, ein Imagewechsel sollte her. Das jedenfalls ist gelungen. Nach der Betroffenheit, der Trauer und der Wut, die sich an diesem Ort einstellen, bleibt mir als Besucher und Berichterstatter nur Zynismus: Ich sehe, die Stadtverwaltung hat dazugelernt: Es steht jetzt ein Wasserwagen bereit (Kein Trinkwasser!), damit Trauernde jederzeit die zahlreichen Blumengebinde wässern können.

Duisburg ist eine Stadt, in der ein Navi Sinn macht. Offenbar ist die Stadt so klamm, dass sie nicht einmal das meterhoch wuchernde Gras auf den Verkehrsinseln mähen kann. Verkehrsschilder sind im Grün verschwunden. Immerhin: Das Zentrum ist leicht zu finden, denn die Stadtväter haben sich ein Heizkraftwerk nur einige Minuten vom Rathaus entfernt hingestellt. Es ist von überall her gut zu sehen. Ich gehe weiter und erlebe eine Überraschung. Ich bin am Innenhafen, der vor weit über 100 Jahren angelegt worden war, weil der Rhein einfach sein Bett verlegt hatte und Duisburg dadurch „auf dem Trockenen saß“. Nun konnte Grubenholz für die zahlreichen Zechen und Getreide für hungrige Kumpel mitten ins Revier transportiert werden. Man sprach tatsächlich „von der Kornkammer des Reviers“. Nach dem Rückgang des Bergbaus war es still geworden um den Innenhafen. Doch Millionen von der EU machen eine gigantische Umbaumaßnahme möglich, orchestriert durch einen Masterplan des britischen Stararchitekten Sir Norman Foster.

Der Duisburger Innenhafen diente früher dem Transport von Grubenholz für die zahlreichen Bergwerke. Seit dem Niedergang des Bergbaus lag das Gelände lange brach. Alte Industriegebäude wie diese Getreidemühle links im Bild und moderne Neubauten bilden ein komplettes Stadtviertel. Der britische Stararchitekt Sir Norman Forster erstellte den Masterplan für die Wiederbelebung des Areals. | New buildings at the inner harbour, Duisburg. The area was orignally built for the transport of wood for the many coal mines in the North-Rine-Westphalian Rhein-Ruhr-Area and for the transport of food for hungry coal miners. It was long a neglected area. The renowned architect Sir Norman Foster designed the master plan for the reactivation fo the area with new buildings and the revival of old ones. (ACHIM WERNER)

Alte Speicherhäuser wurden instand gesetzt und haben Museen und Restaurants aufgenommen. Auf der anderen Seite des Hafens stehen Neubauten, die mich nicht so überzeugen. Ich erinnere mich an die Definition von Kitsch, wie sie Gudrun Scholz, meine Professorin für Designtheorie und Semiotik an der FH Bielefeld, geliefert hat. Kitsch ist es, wenn es nicht zusammen passt, erklärte sie. Das leuchtet mir ein. Der Pflug vor dem Fertighaus oder eben hier der alte Verladekran vor dem Versuch eines modernen Gebäudes. Vermutlich haben die Menschen, die darin beschäftigt sind, noch nie gearbeitet. Sie könnten genausogut in Frankfurt, London oder Kuala Lumpur sitzen. Hauptsache, die unmittelbare Umgebung ist austauschbar und der Internetzugang funktioniert. Vielleicht kehrt hier ja irgendwann einmal Leben ein.

 (ACHIM WERNER)

Am nächsten Tag essen wir in einem der neuen schicken Restaurants am Innenhafen zu Mittag. Es kann natürlich Zufall sein, aber die Bedienung ist unglaublich doof, das Essen ist schlecht und zu teuer. Und: Wir haben absolut keine Lust uns zu unterhalten. Ein paar Stunden später das absolute Highlight eines Duisburg-Besuchs, der Landschaftspark Duisburg-Nord.

Ein ehemaliges Stahlwerk zum Erkunden und ich erinnere mich an meine Faszination für die Menschen, die hier einmal gearbeitet haben. Wir klettern auf den 30 Meter hohen Hochofen. Ich stelle mir vor, wie dieses Monster jedesmal zum Schichtbeginn Dutzende von Arbeitern in seinen Bann gezogen hat, sie haben es gefüttert und umsorgt, so dass es ungestört Erz verdauen und Stahl ausscheiden konnte. Ich verstehe jetzt diese Männer umso besser. Ein harter Job, aber einer mit Perspektive. Wer den Ruhrpott verstehen will, muss so eine Anlage besuchen. Ach, übrigens: Am Eingang zum Landschaftspark gibt es ein schönes kleines Café. Die Bedienung ist total nett und der Kuchen super lecker. Wahrscheinlich Zufall und doch: Was für ein Gegensatz zum Innenhafen.

Five-Boats, ein Neubau von Star-Architekt Nicolas Grimshaw im Duisburger Innenhafen. Der  Innenhafen diente früher dem Transport von Grubenholz für die zahlreichen Bergwerke und sorgten für Nachschub für die hungrigen Bergleute. Seit dem Niedergang des Bergbaus lag das Gelände lange brach. Der britische Stararchitekt Sir Norman Forster erstellte den Masterplan für die Wiederbelebung des Areals mit zahlreichen Neubauten und renovierten und wieder zum Leben erweckten alten Industriebauten. |Five Boats, a modern office building in the Duisburg inner harbor, designed by architect Nicolas Grimshaw. The area was orignally built for the transport of wood for the many coal mines in the North-Rine-Westphalian Rhein-Ruhr-Area and for the transport of food for hungry coal miners. It was long a neglected area. The renowned architect Sir Norman Foster designed the master plan for the reactivation fo the area with new buildings and the revival of old ones. (ACHIM WERNER/bilder wie worte)

Zum Abschluss unseres Duisburg-Besuchs fahren wir noch einmal dorthin zurück. Schließlich bin ich Fotograf und die Architektur dort bietet jede Menge interessanter Motive. Wie z.B. das aluminiumverkleidete Bürogebäude „Five Boats“.
Ich versuche die beste Perspektive zu finden. Nur die Bushaltestelle stört. Zuviel Leben im Bild.

Neuanfang

Das Jahr 2013 markiert in vielerlei Hinsicht für mich einen Neuanfang. Nach einem gesundheitlichen Tiefschlag im Frühjahr hatte ich das Glück, nach langer Krankheit zum Sommerende wie ein Phoenix aus der Asche emporzusteigen – zum großen Finale gewissermaßen, so sehe ich das jedenfalls mit 58 Lebensjahren. Ich habe viel gelernt, vor allem über mich, ich konnte mit einer Reihe sehr schmerzvoller Erfahrungen aus der Vergangenheit abschließen und ich hatte eine ganze Reihe von wundervollen Begegnungen mit Menschen, von denen ich mittlerweile behaupten darf, dass sie mir nahestehen.

„Du hast dich verändert!“ Besser als alle Selbsteinschätzungen beschreiben mir Menschen, die mich lange nicht gesehen haben, dass sich etwas verändert hat. Kann ich das bestätigen? Von Bonn aus bin ich noch einmal in die Berge gefahren, um mich einige Tage auf über 2000 Metern herumzutreiben. Mein primäres Ziel: Herausfinden, wie ich mich verhalten werde, „when the going gets rough“. Kommt die alte Angst wieder, der Kleinmut, die Verzagtheit? Also nichts wie rein in lauter neue Gewohnheiten. Erstmals fahre ich mit einer Mitfahrgelegenheit – das ist ungewohnt. Klar komme ich mir alt vor. Aber laute Musik und das Hinten-sitzen sind eine tolle Erklärung für Schweigsamkeit. Nachdem der junge Mann, der bis dahin das Gespräch bestimmt hat, in Stuttgart ausgestiegen ist, komme ich jedoch mit Sonja, der Fahrerin, und Johanna, einer weiteren Mitfahrerin, ins Gespräch. Wir sprechen über ihre Studien- und Zukunftspläne und ich empfinde endlich einmal keine Wehmut darüber, dass ihre Zukunft schon lange hinter mir liegt. Denn schließlich liegt meine noch vor mir und sie wird ganz großartig sein.
Heute ist jedoch noch nicht einmal die Gegenwart zu sehen. Fast zwei Monate war ich in diesem Sommer im Allgäu und das Wetter war ein Traum. Doch kaum passt man mal kurz nicht auf und fährt für zwei Wochen nach Norddeutschland, schon schlägt das Wetter um. Als wir in Kempten, von wo aus Johanna weiter nach Oberstdorf fahren will, ankommen, scheint die Welt unterzugehen. Es schüttet wie aus Eimern, von meinen geliebten Bergen ist nichts zu sehen, und wenn mal einer rausguckt aus den tiefhängenden Wolken, dann trägt er ein weißes Häubchen. Ideales Wanderwetter sieht anders aus.
Sonja setzt mich in Reutte, dem ersten österreichischen Ort hinter der Grenze gleich südlich von Füssen, ab, oder besser: aus. Aber ich habe Glück im erstbesten Gasthof und bekomme ein Zimmer. Gemütlich ist es nicht, aber es regnet nicht hinein, und nach einiger Zeit habe ich auch raus, wie ich die üppige Neonbeleuchtung vermeiden kann. Trotzdem, das ist ein Tiefpunkt. Ich bin allein, ich fühle mich einsam, es ist kalt und grau und nass. Schocktherapie ist angesagt, also laufe ich ein wenig durch den klammen Ort. Schon besser! Früher habe ich mich in ungemütlichen Hotelzimmern immer mit dem Fernseher vergnügt, aber es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich das Fernsehen abgewöhnen kann. So bleibt mir nichts anderes übrig, als sehr früh ins Bett zu gehen. Der nächste Morgen: Siehe da, die Nacht war erholsam. Wie immer nutze ich den Frühstücksraum, um meine Mitreisenden zu studieren. Komisch, wie es sich manche Männer bieten lassen, das ihnen ihre Frau das Essen zusammensucht. Oder wollen die das so? Ich versuche, in Kamel-Manier so viel wie möglich in mich hineinzustopfen, mein Budget für diese Reise ist begrenzt. Doch wenn man 10 Kilo abgenommen hat, leidet auch die Aufnahmekapazität. Da bleibt mir schließlich nichts anderes übrig, als mir das, was ich nicht mehr essen kann, in die Taschen zu stopfen.
Zum Glück komme ich schnell an einen Regenüberzug für meinen Rucksack, der sich auch unmittelbar bewähren muss, denn der Regen lässt einfach nicht locker. Warum das Wetter jetzt so schlecht sein muss, frage ich mich wiederholt. Was ich mich aber nicht mehr frage, und das herauszufinden war ja das Ziel dieser Reise: Bin ich hier richtig? Sollte ich vielleicht wieder abreisen, oder sollte ich woanders hinfahren, oder oder oder? Und nun sitze ich also im Bus und fahre ins Lechtal, das Alpental mit einem der letzten ungezähmten Alpenflüsse, der sich mehr oder weniger ungehindert sein Bett im weiten Bett sucht. Eine geradezu seelige Entspannung darüber, dass ich jetzt „mein Ding“ mache, der nachlassende Regen und sogar der eine oder andere verirrte Sonnenstrahl auf den überzuckerten Lechtaler Bergen: Mir geht es richtig gut. Der erst vor zwei Jahren eingeweihte Lech-Wanderweg folgt dem Fluss von seiner Quelle beim gleichnamigen Skiort bis nach Füssen, eine Strecke, die sich je nach Kondition in fünf bis 10 Tagen gut bewerkstelligen lässt. So viel Zeit habe ich leider nicht, also steige ich in Farchau aus und wandere ins Tal hinein. Der Lech macht wirklich etwas von sich her, die tagelangen Regenfälle hatten den Umfang gewaltig anschwellen lassen. Mal gurgelt es direkt neben mir, mal ist’s ganz ruhig, weil sich die Hauptlast des Wassers einen anderen Weg weit entfernt gesucht hat, mal fehlt aber auch ein Stück des Weges, weil der Fluss nun gerade hier lang fließen wollte.

Ich bin jetzt richtig gut drauf, egal ob es nun regnet oder nicht, ich singe beim Wandern (hört ja keiner bei dem Wetter) – aus dem Alleinsein vom Abend zuvor ist wieder mal ein All-eins-sein geworden und wenn sich doch mal wieder einige Regentropfen nach unten verirren, lächele ich sie einfach weg. Als ich allerdings in Vorderhornbach feststelle, dass der Bus entweder schon weg oder gar nicht gekommen ist, friert mir das Lächeln doch etwas ein. Eigentlich hatte es heute bis hier genügen sollen. Im Wirtshaus mache ich einen Crashkurs in Entschleunigung – zwei alte Dorfbewohner können sich partout nicht einigen, ob der Bus nun normalerweise pünktlich kommt oder gar nicht. Egal. Da hilft nur noch ein langgezogenes „Ommmmmhhhh! Und kurze Zeit später kommt mein Lächeln zurück, als die Bedienung mich mit einem Kaffee und einem warmen Apfelstrudel – „Vorsicht, sehr heiß, frisch aus dem Rohr!“ und einer Extraportion Schlagsahne verwöhnt.

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Schon ist mir, als hätte ich noch unendlich Kraft und ich folge den Schildern des Lechwegs, deren Planer dem Wanderer etwas Gutes tun wollten. Erst geht“s steil bergauf und dann auf einem Panoramaweg hinan, der aber einige Auf und Abs eingebaut hat. Bei Sonne und ausreichenden Kraftreserven sicherlich kein Problem. Aber als ich dann nach ungefähr sechs Stunden Fußmarsch im Dörfchen Elmen ankomme, wanke ich in den erstbesten Gasthof und nehme mir ein Zimmer. Um ein Haar vergesse ich vor dem Duschen das Ausziehen. Später, beim Essen im Gastraum, setzt sich der knapp 80jährige Wirt zu mir, der für jeden Gast ein freundliches Wort hat und von seiner Tochter umsorgt wird. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt voller Trauer, dass seine Frau im Frühjahr gestorben ist. Ein kurzer Moment der Verbundenheit, ich kann mit ihm fühlen. Anfangs bemüht er sich noch sehr um Hochdeutsch, doch je länger wir reden, desto schwerer fällt es mir, ihn zu verstehen. Er fühlt sich offenbar wohl in meiner Gesellschaft.

Tag Zwei

Eigentlich wollte ich gestern noch bis Häselgehr kommen und die Falchs besuchen. Schade, dann wird das eben diesmal nichts, hatte ich mir am Abend eingeredet. Doch heute Morgen sitze ich im Bus und weiß: Diesen Besuch wirst du nicht ausfallen lassen. Meine Frau und ich waren vor zwei Jahren im Winterurlaub auf dem Bio-Bauernhof der beiden. Schon der Empfang war überwältigend: Als wir nach langer Fahrt ankamen, war der Tisch in der Ferienwohnung zum Abendbrot gedeckt. „Das machen wir für alle Gäste so“, erklärte Hildegard Falch. Wir haben sie und ihren Mann Otto im Laufe des Aufenthalts wirklich ins Herz geschlossen. Nun also komme ich nach einem ergiebigen Regenschauer dort an – allein – und fühle, als würde ich …. davon später mehr. Im Hausflur rufe ich, ob jemand da sei, und schließlich kommt Hildegard, wie ich sie jetzt nennen darf, um die Ecke. Sie erkennt mich sofort, wenn sie auch meinen Namen nicht mehr weiß und bittet mich in die Küche.

Hildegard mit dem Riesenschnauzer, dessen Name ich mir nicht merken kann.

Hildegard mit dem Riesenschnauzer, dessen Name ich mir nicht merken kann.

Kurze Zeit später steht heißer Tee auf dem Tisch, einige Scheiben Brot und Almkäse, der den ganzen Raum mit seinem Duft erfüllt. Für Aufregung sorgt der Nachfolger des Riesenschnauzers, den wir bei unserem Besuch kennengelernt hatten und der schon damals sehr krank war. Leider musste er eingeschläfert werden. Dieser junge Hund hat einen sehr vornehmen Namen, leider halten seine Manieren noch nicht Schritt. Vor lauter Begeisterung reißt er alles um, aber – man kann ihm natürlich nicht böse sein. Erst, als Frauchen ihn mit Butterbrot füttert, gibt er etwas Ruhe. Dieser alten Frau, die ich sehr mag, erzähle ich mein Jahr, mit allen Höhen und Tiefen. Ich lasse nichts aus und sie hört mir geduldig zu. Irgendwann sage ich, dass ich mich wie neugeboren fühlen würde und sie sieht mich freudestrahlend an und sagt, dann hätte ich den nächsten Urlaub ja bei Ihnen frei! Schließlich würden alle Neugeborenen etwas geschenkt bekommen.
Dies sind für mich wahrlich nährende Stunden und irgendwann sage ich zu Hildegard: „So, ich muss jetzt weiter, damit ich heute noch irgendwo ankomme“. Mein Plan ist ja noch das Erreichen der Rappenseehütte. Hildegard sieht mich ganz ruhig an und sagt zu mir: „Ich habe das Gefühl, du bist schon angekommen!“
Im Gegensatz zu früher bin ich trotzdem gegangen. Nach einer sehr langen und innigen Umarmung habe ich die Wohlfühloase verlassen und habe den Weg weiter verfolgt, den ich eingeschlagen hatte. Ich weiß, dass Hildegard es Ernst meinte, als sie sagte, ihre Tür würde mir immer offen stehen.

Von Steeg aus steige ich schließlich ins einsame Hochalptal hinauf. Vielleicht liegt es an der späten Jahreszeit, vielleicht wird der Weg aber auch nicht oft begangen:  die nächsten sechs Stunden bin ich allein und es ist großartig. Unten Lärchen bestanden, weitet sich das Tal oben und vor der letzten Steilstufe kommt ein schlammig-brauner Wasserfall herunter. Ich mache eine Pause und bewundere den Mut von Enzian und Eisenhut, die in den ersten Schneeflecken gegen den Herbst anblühen.
Die Schneehöhe steigt kontinuierlich, aber die Markierungen sind noch gut zu sehen. Eine Gemse kreuzt meinen Weg, völlig ohne Arg steht sie schließlich nur noch 30 Meter von mir entfernt. Wir betrachten uns ruhig, vielleicht, weil wir beide wissen, dass wir keine Angst voreinander haben müssen. Ich wühle mich weiter durch den Schnee nach oben und komme schließlich mit einem Seufzer der Erleichterung auf dem Heilbronner Weg an.
Wie so oft in den Bergen werde ich belohnt, als ich nicht damit rechne. Kurz vor Erreichen der Rappenseehütte zaubert ein Sonnenuntergang wundervolle Motive und knipst ein geradezu überirdisches Licht an. Gut, dass ich Fotograf bin, denn hier fehlen mir fast die Worte.

Die Hütte ist eine Enttäuschung. Ich war schon auf vielen und weiß: je leichter sie zu erreichen sind, desto mehr sind sie zu Rummelplätzen von lärmenden Wandergruppen verkommen, die am Abend im Gastraum darum wetteifern, wer am lautesten herumbrüllen kann. Nach der Einsamkeit beim Aufstieg eine schmerzliche Erfahrung.

strong><h3>Dritter Tag<</h3></strong>

Beim Frühstück herrscht Ruhe – kein Wunder, denn wer sowieso ins Tal absteigt, hat es nicht eilig mit dem Aufstehen. Ich bin unsicher, ob ich auch absteigen soll – irgendwie lockt Oberstdorf schon – oder noch den Weg zum Waltenberger Haus in Angriff nehme. Das Wetter wird halten, da bin ich sicher, aber dass der Heilbronner Weg offenbar so wenig begangen wurde in diesen Tagen, irritiert mich schon. Ich frage die Hüttenmannschaft nach der Gehzeit und werde ziemlich rüde abgefertigt. Normal 4 bis 5 Stunden, heute 8 bis 9, lautet die Antwort. Aus Erfahrung weiß ich, dass die Hüttenmannschaften unsicheren Kantonisten gern ein wenig Angst machen. Schließlich haben sie keine Lust, irgendwelche Flachlandtiroler Stunden später aus misslichen Lagen zu befreien. Ich finde aber, dass ich nicht so unerfahren wirke. Als ich mich dennoch entscheide, im Hüttenbuch meinen Abstieg einzutragen, stelle ich fest, dass direkt vor mir einige andere Bergsteiger auf die von mir ursprünglich geplante Route gestartet sind. Was die können, …. Also nichts wie hinterher.

Die ersten 20 Minuten, das kenne ich schon, läuft’s noch etwas unrund. Aber schon bald bin ich gut unterwegs und gehe ein Stück des Weges vom gestrigen Abend zurück, bis ich schließlich Neuland betrete. Ich komme gut voran, nehme mir aber vor, mir Etappen vorzunehmen, so dass ich über Weitergehen oder Umkehren entscheiden kann. Doch bevor das nächste Zeitlimit erreicht ist, wird der Weg spürbar schwerer, die ersten Drahtseiletappen beginnen. Da muss ich dann wohl weitergehen. Doch zuvor gönne ich mir noch einen Blick zurück. Vor mir liegt ein weites Hochkar, schon ganz in der Ferne der Einschnitt, durch den ich vor zwei Stunden gekommen bin. Weit hinten schaut der Gipfel des Ifen vorwitzig aus den Wolken.

Das ist es, was ich an den Bergen so liebe. Die Weite, die Ruhe, die Einsamkeit, aber auch die Strenge, wenn wie jetzt, die Bedingungen schwierig sind. An Stellen, wo der Schnee sich gehäuft hat, versinke ich auch schon mal bis zu den Knien. Dies ist nicht der Mont Blanc und dennoch muss man wissen, was man tut, insbesondere dann, wenn man wie ich allein ist. Darum wird das Gehen jetzt so langsam auch mehr zum Tasten. Ein Fehltritt hätte böse Folgen. Rechts die drahtseilbewehrte Felswand, links der Abgrund und in der Mitte der Weg, der jetzt unter fast einem halben Meter Schnee verschwunden ist. Die Trittspuren meiner Vorgänger sind mal mehr und mal weniger gut geeignet und einmal rutsche ich weg und lasse ein kleines Schneebrett in die Tiefe rauschen. Schreck, lass nach!

          

 

Jetzt zeigt sich, dass überlegtes Rucksackpacken eben doch seine Vorteile hat. Ich verfluche jedes Gramm, dass ich zuviel dabei habe und es sind so einige. Irgendwie geht’s aber dennoch weiter und nach der Karte müsste ich eigentlich schon recht weit sein. Da sehe ich aus der Ferne eine Leiter. Ich hasse Leitern, im Flachland wie in den Bergen. Und das ist der Moment, in dem Vernunft, vielleicht auch Angst,  über Mut und Unerschrockenheit siegen. Denn ich weiß nicht, wie es auf der anderen Seite weitergeht. Eine 10 Meter hohe Leiter mit einem weit über 15 Kilo schweren Rucksack hinauf – und dann? Verdammter Mist. Vor zehn Minuten bin ich an der Stelle vorbeigekommen, an der der Weg hinunter nach Holzgau ins Lechtal abzweigt. Ich beschließe also, umzukehren und diesen Weg zu nehmen. Schon nach wenigen Minuten kommen wir einige andere Bergsteiger mit hübsch leichten Rucksäcken entgegen. In einem kurzen Gespräch erklärt einer, dass es nach der Leiter eigentlich kaum schlimmer sei als jetzt. Klar, nun schwanke ich in meiner Entscheidung, beschließe aber mannhaft, dass man sich nicht innerhalb einer Viertelstunde dauernd umentscheiden kann. Tja, so viel Konsequenz muss natürlich – bestraft – werden. Schon beim Einstieg in den Abstieg muss ich feststellen: Hier ist seit Beginn der Kälteperiode niemand mehr gegangen. Von einem Weg durch dieses Labyrinth aus dicken Felsblocken ist unter dem Schnee absolut nichts zu sehen, meine Erfahrung führt immerhin dazu, dass ich immer mal wieder eine Markierung sehe, weil ich instinktiv den Gedanken der Wegebauer folge. Mein Schutzengel hat allerdings in den nächsten eineinhalb Stunden wirklich einen harten Nachmittag, denn dass ich in dem Gelände heil nach unten komme, dass ist nicht allein meiner athletischen Erscheinung zu verdanken. Ein bisschen Glück ist auch dabei und die blauen Flecken von den paar Stürzen geben mir noch viele Tage später Anlass zu Sorgenfalten. Irgendwo da bin ich runtergekommen! Meine Laune gerät allerdings nicht ins Wanken und das ist schön zu sehen. Es gibt schon das eine oder andere unschöne Wort, was ES  zu mir spricht, aber Schwamm drüber. Ansonsten sage ich mir: Achim, was soll das Jammern, du schaffst es ja trotzdem. Als ich dann aber endlich wieder festen Boden unter den Füßen habe, macht sich ein Gefühl der Erleichterung breit. Es ist zwar noch ein langer Weg ins Tal, die Alpe, auf die ich mich gefreut habe, hat schon zu, der Weg wird länger und länger, es fängt heftig zu regnen an – zu wissen, man schafft es trotz aller Widrigkeiten, das verleiht Kraft. Kurz vor Holzgau habe ich endlich wieder ein Netz, doch leider sind meine Versuche, die Falchs telefonisch zu erreichen, erfolglos, also muss ich anders unterkommen.

Vor dem erstbesten Gasthof lasse ich mich unter einem Vordach nieder – nach einiger Zeit kommt die Bedienung heraus und will mir die Karte bringen. Ich kläre sie darüber auf, dass ich bei diesem Sauwetter nicht im Freien zu essen gedenke und viel lieber wissen möchte, ob sie ein Einzelzimmer frei hätten und was es kosten würde. Sie entschwindet und nach fünf Minuten erscheint der Chef des Hauses. „Sie suchen ein Einzelzimmer?“ –  „Ja!“ – „Haben wir!“ – „Schön, was kostet es?“ – „44 Euro zuzüglich 11 Euro Einzelzimmerzuschlag!“ – „Wenn Sie Einzelzimmer anbieten, wieso kosten die dann extra?“

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Darauf gab er keine Antwort und ich erklärte ihm, dass ich dann halt noch ein wenig weiterwandern würde. Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass das Etablissement mit Services für Wanderer wirbt, die den Fernwanderweg E5 gehen.\r\n\r\nKurze Zeit später in einem anderen Hotel in Holzgau, in dem ich ohne viel Hoffnung und mit schlechtem Gewissen triefend und verdreckt in den Gastraum eintrete: Um die Ecke kommt eine fesche Bedienung in einem reizenden Dirndl, die mich anstrahlt und meint: „Du siehst aus, als könntest du ein Zimmer brauchen!“ Ich frage, ob es so schlimm sei und sie nickt feierlich. Auf die Frage nach dem Preis nennt sie einen, bei dem ich nicht nein sagen kann. „Dafür“, erklärt dieser Engel im Dirndl, „gibts aber auch eine heiße Dusche und ein kräftiges Frühstück dazu.“ Nach einem guten Frühstück im Holzgauer Hof. Der Rucksack sitzt noch etwas schief, aber die Stimmung ist schon wieder bestens. Danke an Sigrid und ihr Team.\r\n\r\n&nbsp;\r\n\r\nNachdem ich wieder halbwegs passabel aussehe, gönne ich mir ein schönes Abendessen und lerne Sigrid, die Chefin, kennen. Die Fürsorge hier ist einfach Klasse, es gibt riesige Unterschiede im Gastgewerbe. Als ich schließlich frage, ob ich meine Sachen irgendwo trocknen könnte, weist sie mich an, sie einfach in den Flur zu legen, sie würde sich darum kümmern. Das ist mir unangenehm, denn meine Klamotten und Schuhe sehen furchtbar aus, aber Widerspruch ist zwecklos. Nicht nötig zu erwähnen, das am nächsten Tag alles wieder schön trocken ist. Darum an dieser Stelle der ausdrückliche Hinweis: Wanderer, kommst du nach Holzgau, wandere nicht am Holzgauer Hof; vorbei, denn hier kannst du echte Gastfreundschaft genießen. Der Rest ist schnell erzählt. Ich fahre mit dem Bus nach Sonthofen. Das dauert, die Umsteigezeiten sind lang, aber was soll’s! Zeit zum Nachdenken ist Quality time! Das waren gute Tage und wirklich: Ich habe mich verändert. Das Wiedersehen mit Tanja, mit Evi und Nadine und ein schöner Abend in einer Oberstdorfer Kneipe waren ein würdiger Abschluss. Ich habe mein Leben neu gewonnen.

REIZLEITUNG UNTERDRÜCKEN – SEHEN LERNEN

„Sehen lernen“ ist ein ambitionierter Name eines meiner Fotoseminare. Wenn die Technik beherrscht wird, wenn schon alles ausprobiert wurde, was die Kamera hergibt – was dann? Dann kann der Fotograf beginnen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Genauer gesagt: Den visuellen Eindrücken, die unsere Netzhaut bombardieren, einen neuen Sinn zu geben.

Was bei der sogenannten Gestaltwahrnehmung passiert, ist, vereinfacht gesagt, folgendes: Ein wahrgenommener Gegenstand, eine wahrgenommene Szene, wird als dieselbe erkannt und anschließend als genau dieser Gegenstand identifiziert. Also: Ein Baum als Baum, ein Streit als Streit, ein Würfel als ein Würfel und ein Kuss als ein Kuss. Weil unser Gehirn diese Elemente bereits abgespeichert hat, kann es sie nach kurzem Abgleich bestätigen.

Kunst, also auch eine künstlerische Fotografie – durchbricht diesen Automatismus sehr oft. Das, was ich sehe, will nicht so richtig zu dem passen, was in meinem Gehirn als ein Baum, ein Streit, ein Würfel oder ein Kuss  quasi hinterlegt ist. „Sehen lernen“ heißt nun nach meiner Vorstellung, dass ich in der Produktion auf der visuellen Ebene bleibe. Ich wiedersetze mich der Klage meines Gehirns, dass sich mit dieser von mir gewählten Sichtweise kein bereits im „Langzeitspeicher“ vorhandenes Element in Übereinstimmung befindet. Das sorgt für Befremden – im Gehirn wie beim Betrachter.

Nun will ich Sehen lernen nicht darauf beschränken, Motive und Sichtweisen zu produzieren, die das Gehirn und den Betrachter verwirren. Macht allerdings auch nichts, wenn es passiert. Sehen lernen heißt demnach für mich, dass ich die Gesetzmäßigkeiten der Gestaltwahrnehmung unterbreche, indem ich meinen Augen erlaube, Motive, Ausschnitte, Perspektiven zu sehen, die dem gerade nicht entsprechen, was in meinem Gehirn bereits abgespeichert ist. Ich unterbreche einfach einmal die Reizleitung zwischen Netzhaut und Gehirn und verhindere dadurch, dass meine Festplatte mich unter Druck setzt.

Es gibt nach meiner Erfahrung eine Reihe von Wegen, um zu einer solchen Arbeitsweise zu kommen. Einer ist die totale Konzentration auf die Fotografie. Als Fotojournalist habe ich Aufnahmen gemacht und mich dafür in Situationen gebracht, die manchmal nicht ganz ungefährlich waren. Manchmal wusste ich anschließend kaum, wie ich in diese Situationen geraten bin oder die Gefährlichkeit wurde mir erst anschließend klar. Man kann also offenbar die Reizleitung durch erhöhte Adrenalinausschüttung unterbrechen.

Das geht aber auch, wenn ich mich von den Mustern, die in meiner Festplatte abgespeichert sind, löse. Und jetzt wird’s interessant. Wenn ich meinem Auge erlaube, Dinge zu sehen oder sie auf eine ganz neue Art zu sehen, ohne dass ich dafür eine Entsprechung in meinem Gehirn finden muss, dann gelingen eben ganz neue Sehweisen.

Sehen lernen heißt also für mich, dass ich mich von den Zwängen, die durch die abgespeicherten Bilder entstehen, frei mache. In meinem Seminar „Sehen lernen“ ermutige ich Teilnehmer, die Welt mit „neuen Augen“ zu sehen. Komisch, wir kennen alle diesen Ausdruck und dabei sind gar nicht die Augen neu, sondern unser Umgang mit dem Gesehenen.

Blühender Roter Fingerhut (Digitalis pupurea) inmitten abgestorbener Bäume im Oberharz. Stürme und der sich oft anschließende Befall durch Schädlinge wie den Borkenkäfer sorgen zusammen mit der Monokultur durch Fichten für solche Bilder. Andere Pflanzen profitieren vom Sonnenlicht.| Foxglove among dead trees in the Harz mountains in Lower Saxony. Storms and subsequent pest infestation are some of the reasons for tree death. Others are pollution and the monoculture of fast growing firs. (Bilder wie Worte /A. Werner)

BÜCHER MACHEN

Ein Beispiel toller Zusammenarbeit

Das Buch „VATER UNSER – GEMALT · GEBETET · GEDACHT“, an dem ich für den Felicitas Hübner Verlag gearbeitet habe, war ein Projekt, in das viel Herzblut investiert wurde. Ich finde, das Ergebnis gibt uns Recht. Das Buch besteht unter anderem aus den 12 großformatigen Gemälden, die der Nienburger Künstler Henning Diers zu dem bekanntesten Gebet der Christenheit gemalt hat. Theologen verschiedener Konfessionen und Laien haben dazu Andachten geschrieben.

Als wir begannen, das Buch zu konzeptionieren, wurde uns schnell klar, dass die o.g. Anteile nicht für ein Buch reichen würden, wie wir es uns vorstellten. Das Ergebnis intensiver Diskussionen war genau der Untertitel, den Henning Diers beigesteuert hat. Zur Titelgestaltung kam mir etwas, das man wohl als eine Vision bezeichnen muss, aber schwer zu beschreiben. Ich berichtete dem Künstler davon und – er setzte es genauso um, wie ich es mir vorgestellt hatte. Einfach magisch!

Ein Gespräch zur Entstehung des Buches sehen Sie hier:

Für mich als Journalisten und Fotografen hat mir der Teil, in dem ich mit verschiedenen Menschen, von Korea bis Kolumbien, von Tansania bis Finnland gesprochen habe, die größte Freude gemacht, mal abgesehen von Layout und Titelentwurf.  Es waren keine stundenlange Gespräche und doch haben meine Gesprächspartner mir einen sehr intensiven Einblick in ihr Leben, ihren Glauben und ihren Umgang mit dem Vaterunser gewährt. Manchmal war ich regelrecht überwältigt davon, was sich in einer Stunde für eine Verbindung ergeben hat.

bww-hp_briefBücher müssen sich natürlich auch verkaufen, aber der Brief, den ich von einer meiner Gesprächspartnerinnen erhalten habe, ist etwas, das man mit Geld nicht bezahlen kann. Ich bin nach wie vor sprachlos über dieses überwältigende Lob. Ich werde es als Ansporn für die nächsten Projekte nehmen. Menschen waren mir in meiner Arbeit schon immer am wichtigsten.

Danke!

June16

june 16 – der Name dieser Kollektion von Fotografien fiel mir an meinem Geburtstag ein. Hier zeige ich Bilder, die für mich aus verschiedenen Gründen eine große Bedeutung haben. Einer ist: ich halte sie alle für sehr gute Fotografie. Ein anderer: Die allermeisten haben eine besondere Geschichte haben.
Zwei Wochen wohnte ich zum Beispiel bei Sergej in einem Moskauer Wohnblock, gewissermaßen undercover, denn 1990 war es für Ausländer immer noch streng verboten, sich ohne eine offizielle Einladung in der Sowjetunion aufzuhalten.
Eines Morgens fotografierte ich die Szene unten, die die damalige Lage der einfachen Menschen in Moskau auf den Punkt brachte: Eine alte Frau wartet auf Kunden für ein paar Bündel selbst gezogenes Gemüse und vertreibt sich die Wartezeit auf Kunden mit Stricken.

Moskau 1990. Ein kalter regnerischer Morgen in einer der vielen Vorstädte der russischen Hauptstadt mit zehnstöckigen gesichtslosen Hochhäusern. An einem Laternenmast hat sich eine alte Frau postiert, die Gemüse aus ihrem Garten anbietet. Während sie auf Kunden wartet, verbreibt sie sich die Zeit mit Stricken.  Ein junger Mann in einem alten Lastwagen betrachtet die Szene und den Fotografen. Glasnost und Perestroika haben zwar den Fall der Mauer begünstigt und auch in Russland Prozesse in Gang gesetzt, der Alltag der Menschen in Moskau ist aber nach wie vor vor allem vom Kampf um Eigenständigkeit und die Dinge des täglichen Bedarfs bestimmt.| Moscow 1990: Glasnost und Perestroika have supported the fall of the Berlin wall and also started change in Russia, but the everyday life of normal people  ist determined by the quest for a little private income and hunting for the daily neccessities. In a neighborhood with large housing blocks an old woman stands knitting while offering a little vegetables out of her own garden for sale. A young man in an old truck is watching the szene and the photographer. (ACHIM WERNER) (ACHIM WERNER)

Sergej war Holzschnitzer. In einem Zimmer seiner kleinen Wohnung stapelten sich zentnerweise riesige Holzscheite, die bereits eine kräftige Delle in den Boden gedrückt hatten. Man „organisierte“ die notwendigen Dinge, wenn sie gerade mal vorhanden waren und dann auf Vorrat. Wer wusste schon, wann es diese Sachen das nächste Mal gab.
In der U-Bahn stellten alle die Antennen auf Empfang, denn die Fahrten waren eine unersetzbare Informationsquelle darüber, wo es
in der riesigen Stadt an diesem Tag billig Babywindeln, Waschmittel oder tolle Jeans gab.
Den täglichen Überlebenskampf im kommunistischen System, die Behördenwillkür, aber auch die Absurditäten bekam ich hautnah mit. Sergejs Mutter zum Beispiel arbeitete als Putzfrau im Kreml. Darum gab es zum Abendbrot manchmal Kaviar …

Ich plane hier einen Shop für die june16-Bilder, so dass Fans meiner Fotografie die Bilder hier in von Ihnen gewünschten Format und Oberfläche bestellen und sogar per PayPal bezahlen können. Das wird noch etwas dauern. Bis dahin bitte ich einfach um Kontaktaufnahme, wenn Interesse an einem bestimmten Foto besteht.

Die Bilder sind hier am besten zu sehen