REIZLEITUNG UNTERDRÜCKEN – SEHEN LERNEN

„Sehen lernen“ ist ein ambitionierter Name eines meiner Fotoseminare. Wenn die Technik beherrscht wird, wenn schon alles ausprobiert wurde, was die Kamera hergibt – was dann? Dann kann der Fotograf beginnen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Genauer gesagt: Den visuellen Eindrücken, die unsere Netzhaut bombardieren, einen neuen Sinn zu geben.

Was bei der sogenannten Gestaltwahrnehmung passiert, ist, vereinfacht gesagt, folgendes: Ein wahrgenommener Gegenstand, eine wahrgenommene Szene, wird als dieselbe erkannt und anschließend als genau dieser Gegenstand identifiziert. Also: Ein Baum als Baum, ein Streit als Streit, ein Würfel als ein Würfel und ein Kuss als ein Kuss. Weil unser Gehirn diese Elemente bereits abgespeichert hat, kann es sie nach kurzem Abgleich bestätigen.

Kunst, also auch eine künstlerische Fotografie – durchbricht diesen Automatismus sehr oft. Das, was ich sehe, will nicht so richtig zu dem passen, was in meinem Gehirn als ein Baum, ein Streit, ein Würfel oder ein Kuss  quasi hinterlegt ist. „Sehen lernen“ heißt nun nach meiner Vorstellung, dass ich in der Produktion auf der visuellen Ebene bleibe. Ich wiedersetze mich der Klage meines Gehirns, dass sich mit dieser von mir gewählten Sichtweise kein bereits im „Langzeitspeicher“ vorhandenes Element in Übereinstimmung befindet. Das sorgt für Befremden – im Gehirn wie beim Betrachter.

Nun will ich Sehen lernen nicht darauf beschränken, Motive und Sichtweisen zu produzieren, die das Gehirn und den Betrachter verwirren. Macht allerdings auch nichts, wenn es passiert. Sehen lernen heißt demnach für mich, dass ich die Gesetzmäßigkeiten der Gestaltwahrnehmung unterbreche, indem ich meinen Augen erlaube, Motive, Ausschnitte, Perspektiven zu sehen, die dem gerade nicht entsprechen, was in meinem Gehirn bereits abgespeichert ist. Ich unterbreche einfach einmal die Reizleitung zwischen Netzhaut und Gehirn und verhindere dadurch, dass meine Festplatte mich unter Druck setzt.

Es gibt nach meiner Erfahrung eine Reihe von Wegen, um zu einer solchen Arbeitsweise zu kommen. Einer ist die totale Konzentration auf die Fotografie. Als Fotojournalist habe ich Aufnahmen gemacht und mich dafür in Situationen gebracht, die manchmal nicht ganz ungefährlich waren. Manchmal wusste ich anschließend kaum, wie ich in diese Situationen geraten bin oder die Gefährlichkeit wurde mir erst anschließend klar. Man kann also offenbar die Reizleitung durch erhöhte Adrenalinausschüttung unterbrechen.

Das geht aber auch, wenn ich mich von den Mustern, die in meiner Festplatte abgespeichert sind, löse. Und jetzt wird’s interessant. Wenn ich meinem Auge erlaube, Dinge zu sehen oder sie auf eine ganz neue Art zu sehen, ohne dass ich dafür eine Entsprechung in meinem Gehirn finden muss, dann gelingen eben ganz neue Sehweisen.

Sehen lernen heißt also für mich, dass ich mich von den Zwängen, die durch die abgespeicherten Bilder entstehen, frei mache. In meinem Seminar „Sehen lernen“ ermutige ich Teilnehmer, die Welt mit „neuen Augen“ zu sehen. Komisch, wir kennen alle diesen Ausdruck und dabei sind gar nicht die Augen neu, sondern unser Umgang mit dem Gesehenen.

Blühender Roter Fingerhut (Digitalis pupurea) inmitten abgestorbener Bäume im Oberharz. Stürme und der sich oft anschließende Befall durch Schädlinge wie den Borkenkäfer sorgen zusammen mit der Monokultur durch Fichten für solche Bilder. Andere Pflanzen profitieren vom Sonnenlicht.| Foxglove among dead trees in the Harz mountains in Lower Saxony. Storms and subsequent pest infestation are some of the reasons for tree death. Others are pollution and the monoculture of fast growing firs. (Bilder wie Worte /A. Werner)

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