Über Orte – Zum Beispiel Duisburg

Duisburg zum Beispiel. Ist so ein Ort. Ein Platz, mit dem ich viele Erinnerungen verbinde, der mittlerweile jedoch im öffentlichen Bewusstsein und auch für mich seine Bedeutung völlig verändert hat. Ich war etwa acht Jahre alt, als wir einen Familienausflug von Hannover aus zu Verwandten meines Vaters in Duisburg machten. Das war Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch eine richtige Reise, für meinen Bruder und mich vor allen Dingen eine völlig unbekannte Welt. Ich erinnere mich an so gut wie gar nichts. Aber ein Erlebnis hat sich in meine Netzhaut eingebrannt. Wir standen am Ufer eines Flusses, wahrscheinlich war es die Ruhr, hinter uns eine Kokerei oder ein Stahlwerk. Plötzlich stieß dieses Monster mit Getöse eine riesige Wolke giftgelben Rauches aus einem Schornstein, der die gesamte Gegend einnebelte. Als Landei aus einem niedersächsischen Dorf war schon die Industrie in Duisburg so etwas wie ein Paralleluniversum, aber dann dieser Rauch – in dieser Farbe. Einfach irre! Nicht nötig zu erwähnen, dass niemandem damals auch nur der Gedanke an gesundheitliche Gefahren und die Notwendigkeit von Filteranlagen oder dergleichen Schnickschnack kam. Deutschland war halt mit dem Wiederaufbau beschäftigt.

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Wut, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit: die Arbeiter des Krupp-Stahlwerks an der Brücke über den Rhein.

Über dreißig Jahre später, 1988, bin ich wieder in Duisburg. Die Erzählungen meines hochgeschätzten Professors Jörg Boström über seinen Einsatz, gemeinsam mit Roland Günther, zum Erhalt der Bergarbeiter-Siedlung in Oberhausen-Eisenheim, hatte meine Neugierde auf den Ruhrpott und die Menschen dort neu entfacht. Die sogenannte Stahlkrise hat das Ruhrgebiet in Aufruhr versetzt. In Duisburg-Rheinhausen soll das dortige Stahlwerk geschlossen werden. Am 10. Dezember 1987 besetzen Arbeiter die Brücke über den Rhein zum Stadtteil Hochfeld; während des ganzen Winters 1987/88 folgen große Demonstrationen gegen die Schließung des verbliebenen Hüttenwerks. Am 20. Januar 1988 dann ziehen 50.000 Stahlarbeiter aus über 60 Hüttenwerken zur Brücke und benennen sie symbolisch in „Brücke der Solidarität“ um, ein Begriff, der sich mittlerweile eingebürgert hat. Meine Erinnerungen an diesen Tag: Es gibt keinen Friseur, keinen noch so kleinen Laden in Rheinhausen und Umgebung, der nicht mit Solidaritätsadressen geschmückt ist. Es liegt eine ungeheure Spannung in der Luft, der Gemütszustand der Stahlkocher schwankt irgendwie zwischen unbändiger Wut auf „die da oben“ und Sorge um die Zukunft des Arbeitsplatzes, der Familie, der Kinder. Ein Arbeiterpfarrer, der heutige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Nicolaus Schneider,  redet ruhig mit den Männern, versucht auszugleichen. Ich gebe zu, ich bin zwiespältig. Die Fahrt durch Duisburg bei diesigem Winterwetter – da fragt man sich schon, was einen hier hält. Nichts als Industrie, Lärm, Gestank, Umwelt-verschmutzung. Auf der anderen Seite imponiert mir der Menschenschlag hier und ich empfinde eine riesige Faszination für dieses industrielle Herz Deutschlands und die Vorstellung, welche ungeheuren Mengen Stahl hier produziert wurden und werden, für Eisenbahnschienen, Brücken, Gebäude – und Waffen. Der Zwiespalt verschwindet, wenn ich in die Gesichter der Arbeiter schaue. Ich bin auf ihrer Seite.

Wieder 25 Jahre später: Ein neuer Besuch in Duisburg zusammen mit meiner Frau. Eigentlich wollen wir Benjamin, unseren Sohn, besuchen, der hier studiert. Aber wir sind nicht schnell genug; er besucht seine Freundin in München. Immerhin haben wir dadurch seine Wohnung für uns. Der erste Besuch soll natürlich zur Brücke führen, doch da regt sich nichts. Zweieinhalb Jahrzehnte sind eine lange Zeit, das Stahlwerk, dessen Schließung nicht verhindert werden konnte, ist einem Logistik-Terminal gewichen. In den zwei Tagen, die wir in Duisburg sind, komme ich noch oft auf meinen oben beschriebenen Zwiespalt zurück.

Silhouette eines Stahlwerkes in Duisburg, Germany | Silhoutte of a steel mill, Duisburg, Germany (ACHIM WERNER)

Silhouette eines Stahlwerkes in Duisburg, Germany | Silhoutte of a steel mill, Duisburg, Germany (ACHIM WERNER)

 

 

Nur wenige Hundert Meter von seiner Wohnung entfernt hat sich ein Jahr zuvor die Love-Parade-Katastrophe mit über 20 Toten ereignet. Das kapiere ich allerdings erst auf den zweiten Blick. Im Vorbeifahren denke ich zunächst, hier hat es einen Unfall gegeben, deshalb stünden dort so viele Kerzen. Dann kommt ganz schnell  die Erkenntnis, dass „es hier passiert ist“ und irgendwie packt mich das Grauen. Später versuche ich, mich dem Grauen mit der Kamera zu nähern. Es ist ein schöner Sommertag.

Sicht aus dem dunklen Tunnel auf die Rampe, die der einzige Zu- und Ausgang bei der Loveparade 2010 in Duisburg war. Bei einer Massenpanik im Tunnel und dem Versuch über die Rampe zu entkommen, starben 21 Menschen, über 500 wurden verletzt, davon 41 schwer. Heute ist es Wallfahrtsstätte für Überlebende und Angehörige. | Memorial place for the people who died on 24 July 2010 at a stampede at the Love Parade, electronic dance music festival in Duisburg, North Rhine-Westphalia, Germany (ACHIM WERNER)

Wenige Menschen in der Nähe und ich fühle mich trotzdem unwohl. Und wirklich unglaublich: Junge Menschen haben sich durch diese düsteren stinkenden Tunnel schieben lassen, um einer Kultur zu frönen, die viele offenbar nur bekifft oder besoffen ertragen können. Ich sage das nicht, um die Opfer zu verhöhnen. Und wer bin ich eigentlich, über fremdartige Kulturen zu urteilen. Meine Kinder hätten unter den Besuchern, unter den Opfern sein können. Meine Wut hat einen anderen Ursprung: Haben die Toten hier etwas mit den Stahlarbeitern zu tun, die für ihre Arbeitsplätze kämpften, vor 25 Jahren? Ich denke ja. Sie sind tatsächlich auf dem Altar der Marketingbemühungen der Stadtverwaltung geopfert worden. Die sah endlich eine Chance, das Image der Verlierer- der Malocherstadt abzulegen. Der Stadt, der Region, die man mit einem unrasierten pflegelhaften Bullen Schimanski verbindet.\r\n\r\nJetzt sollte die hippe Jugend der Welt, der es vermutlich völlig egal ist, wo sie feiert, Duisburg mal eben einen neuen Anstrich verpassen. Die Stadt marschierte schnurstracks in die selbstgestellte Falle. Und die Verwaltung, an ihrer Spitze ein so bemühter wie überforderter Bürgermeister, ließ sich von einem geldgeilen Sonnenstudiokettenbesitzer (oder waren es Friseursalons?) in diese schlecht vorbereitete Veranstaltung drängen. Unsere doch so gelobte Infrastruktur und Verwaltung – Alle haben hier versagt. Die Polizei, die von ihrem hübschen Hauptquartier 10 Minuten zu Fuß gebraucht hätte? Alle unfähig!

Blick auf die Treppe, über die Besucher der Loveparade 2010 in Duisburg versuchten, der Massenpanik auf der zum Festivalgelände führenden Rampe zu entkommen. Es starben 21 Menschen, 500 wurden verletzt, davon 41 schwer. Heute ist es Wallfahrtsstätte für Überlebende und Angehörige. | Memorial place for the people who died on 24 July 2010 at a stampede at the Love Parade, electronic dance music festival in Duisburg, North Rhine-Westphalia, Germany (ACHIM WERNER)

Und warum das Alles? Wie gesagt, ein Imagewechsel sollte her. Das jedenfalls ist gelungen. Nach der Betroffenheit, der Trauer und der Wut, die sich an diesem Ort einstellen, bleibt mir als Besucher und Berichterstatter nur Zynismus: Ich sehe, die Stadtverwaltung hat dazugelernt: Es steht jetzt ein Wasserwagen bereit (Kein Trinkwasser!), damit Trauernde jederzeit die zahlreichen Blumengebinde wässern können.

Duisburg ist eine Stadt, in der ein Navi Sinn macht. Offenbar ist die Stadt so klamm, dass sie nicht einmal das meterhoch wuchernde Gras auf den Verkehrsinseln mähen kann. Verkehrsschilder sind im Grün verschwunden. Immerhin: Das Zentrum ist leicht zu finden, denn die Stadtväter haben sich ein Heizkraftwerk nur einige Minuten vom Rathaus entfernt hingestellt. Es ist von überall her gut zu sehen. Ich gehe weiter und erlebe eine Überraschung. Ich bin am Innenhafen, der vor weit über 100 Jahren angelegt worden war, weil der Rhein einfach sein Bett verlegt hatte und Duisburg dadurch „auf dem Trockenen saß“. Nun konnte Grubenholz für die zahlreichen Zechen und Getreide für hungrige Kumpel mitten ins Revier transportiert werden. Man sprach tatsächlich „von der Kornkammer des Reviers“. Nach dem Rückgang des Bergbaus war es still geworden um den Innenhafen. Doch Millionen von der EU machen eine gigantische Umbaumaßnahme möglich, orchestriert durch einen Masterplan des britischen Stararchitekten Sir Norman Foster.

Der Duisburger Innenhafen diente früher dem Transport von Grubenholz für die zahlreichen Bergwerke. Seit dem Niedergang des Bergbaus lag das Gelände lange brach. Alte Industriegebäude wie diese Getreidemühle links im Bild und moderne Neubauten bilden ein komplettes Stadtviertel. Der britische Stararchitekt Sir Norman Forster erstellte den Masterplan für die Wiederbelebung des Areals. | New buildings at the inner harbour, Duisburg. The area was orignally built for the transport of wood for the many coal mines in the North-Rine-Westphalian Rhein-Ruhr-Area and for the transport of food for hungry coal miners. It was long a neglected area. The renowned architect Sir Norman Foster designed the master plan for the reactivation fo the area with new buildings and the revival of old ones. (ACHIM WERNER)

Alte Speicherhäuser wurden instand gesetzt und haben Museen und Restaurants aufgenommen. Auf der anderen Seite des Hafens stehen Neubauten, die mich nicht so überzeugen. Ich erinnere mich an die Definition von Kitsch, wie sie Gudrun Scholz, meine Professorin für Designtheorie und Semiotik an der FH Bielefeld, geliefert hat. Kitsch ist es, wenn es nicht zusammen passt, erklärte sie. Das leuchtet mir ein. Der Pflug vor dem Fertighaus oder eben hier der alte Verladekran vor dem Versuch eines modernen Gebäudes. Vermutlich haben die Menschen, die darin beschäftigt sind, noch nie gearbeitet. Sie könnten genausogut in Frankfurt, London oder Kuala Lumpur sitzen. Hauptsache, die unmittelbare Umgebung ist austauschbar und der Internetzugang funktioniert. Vielleicht kehrt hier ja irgendwann einmal Leben ein.

 (ACHIM WERNER)

Am nächsten Tag essen wir in einem der neuen schicken Restaurants am Innenhafen zu Mittag. Es kann natürlich Zufall sein, aber die Bedienung ist unglaublich doof, das Essen ist schlecht und zu teuer. Und: Wir haben absolut keine Lust uns zu unterhalten. Ein paar Stunden später das absolute Highlight eines Duisburg-Besuchs, der Landschaftspark Duisburg-Nord.

Ein ehemaliges Stahlwerk zum Erkunden und ich erinnere mich an meine Faszination für die Menschen, die hier einmal gearbeitet haben. Wir klettern auf den 30 Meter hohen Hochofen. Ich stelle mir vor, wie dieses Monster jedesmal zum Schichtbeginn Dutzende von Arbeitern in seinen Bann gezogen hat, sie haben es gefüttert und umsorgt, so dass es ungestört Erz verdauen und Stahl ausscheiden konnte. Ich verstehe jetzt diese Männer umso besser. Ein harter Job, aber einer mit Perspektive. Wer den Ruhrpott verstehen will, muss so eine Anlage besuchen. Ach, übrigens: Am Eingang zum Landschaftspark gibt es ein schönes kleines Café. Die Bedienung ist total nett und der Kuchen super lecker. Wahrscheinlich Zufall und doch: Was für ein Gegensatz zum Innenhafen.

Five-Boats, ein Neubau von Star-Architekt Nicolas Grimshaw im Duisburger Innenhafen. Der  Innenhafen diente früher dem Transport von Grubenholz für die zahlreichen Bergwerke und sorgten für Nachschub für die hungrigen Bergleute. Seit dem Niedergang des Bergbaus lag das Gelände lange brach. Der britische Stararchitekt Sir Norman Forster erstellte den Masterplan für die Wiederbelebung des Areals mit zahlreichen Neubauten und renovierten und wieder zum Leben erweckten alten Industriebauten. |Five Boats, a modern office building in the Duisburg inner harbor, designed by architect Nicolas Grimshaw. The area was orignally built for the transport of wood for the many coal mines in the North-Rine-Westphalian Rhein-Ruhr-Area and for the transport of food for hungry coal miners. It was long a neglected area. The renowned architect Sir Norman Foster designed the master plan for the reactivation fo the area with new buildings and the revival of old ones. (ACHIM WERNER/bilder wie worte)

Zum Abschluss unseres Duisburg-Besuchs fahren wir noch einmal dorthin zurück. Schließlich bin ich Fotograf und die Architektur dort bietet jede Menge interessanter Motive. Wie z.B. das aluminiumverkleidete Bürogebäude „Five Boats“.
Ich versuche die beste Perspektive zu finden. Nur die Bushaltestelle stört. Zuviel Leben im Bild.

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