Einfach – Bio? Leider nicht!

Mist: Das hatte ich mir jetzt anders vorgestellt. Eigentlich wollte ich mit der Herde von der Weide hinunter zum Hof gehen, um die Kühe unterwegs zu fotografieren. Nur: Rudi, der Bulle und Beschützer seiner Damen, ist falsch abgebogen und geht, statt zum Stall, auf mich zu. Ich habe grundsätzlich keine Angst vor Tieren, doch Rudi, eigentlich “ein ganz Lieber”, ist mir körperlich eindeutig überlegen. Also warte ich bis Kathrin, die Auszubildende auf dem Hof, die Weide schließt und Rudi mit einem Klaps auf den Hintern dazu bringt, den Kühen hinterherzulaufen. Geht doch!
Ein wohliges Gefühl durchströmt mich hier auf dem Demeter-zertifizierten Hof Luna in Everode im wunderschönen Leinebergland. Seit ich im Alter von sechs Jahren ein Jahr lang auf einem Bauernhof lebte, sind die Tiere und Pflanzen, der natürliche Lebenskreislauf, scheinbar ein Teil meines Genpools. Und hier ist alles noch so, wie mir Landwirtschaft richtig erscheint. Ich hatte wirklich schon lange keinen echten Misthaufen mehr gesehen. Sogar der Mähdrescher ist biologisch-dynamisch ausgelegt, nicht etwa mit klimatisierter Kabine, Stereoanlage und GPS ausgerüstet. Wilhelm Bertram sitzt bei ca. 30 Grad Celsius im Freien und verschwindet langsam unter einer dicken Schicht Staubes, der von dem Schneidwerk direkt vor und unter seinen Füßen aufgewirbelt wird.

Der Roggen ist gut gediehen in diesem Jahr, doch der letzte Regen hat die langen Halme flach auf den Ackerboden gelegt. Der Landwirt muss langsam fahren, um auch alles zu erwischen. Selbst, wenn er wollte: Einen so genannten Lohnunternehmer, oft ehemalige oder Nebenerwerbslandwirte, die im Auftrag anderer Felder abernten, würde er für seine Flächen kaum bekommen. Denn für die zählt Geschwindigkeit und die ist im Ökolandbau nicht zu erreichen.

Bitte nur an Menschen verfüttern!

Andrea Hetzler vom Hof Luna hat mir erklärt, dass die “Konvis”, wie die Agrarunternehmer hier genannt werden, oft einige Wochen vor der Ernte noch einmal ein Mittel mit dem schönen Namen “Round-up” spritzen. Damit wird dann auch das letzte nicht gewünschte Pflänzchen im Getreidefeld vernichtet und der Mähdrescher kann im Eiltempo durchs Feld preschen. Auf den Packungen fürs Spritzmittel, berichtet sie fassungslos, steht der Warnhinweis, man solle das derart behandelte Stroh besser nicht an die Tiere verfüttern. Dass man das Getreide nicht zu Brot verarbeiten soll, stehe nicht darauf. Nun, in der Regel gibt es ja ohnehin keine Tiere mehr, an die man etwas verfüttern könnte. Darum haben Saatgutzüchter ganze Arbeit geleistet und Getreidesorten mit grotesk kurzen Halmen gezüchtet. Der konventionelle Landwirt baut entweder riesige Flächen mit Getreide, Rüben oder am besten gleich mit Mais an, oder er füttert 150 Kühe mit importiertem Sojaschrot. Ein Verwertungskreislauf, wie er auf Hof Luna praktiziert wird, wo das Stroh den Tieren zur Einstreu dient und nach der Ernte mit Dung getränkt dem natürlichen Kreislauf zurückgegeben wird, gibt es nur auf Biohöfen.

Wilhelm Bertram bewirtschaftet den Hof seit 1987 nach den Demeter-Richtlinien. Zusätzlich gilt er als Arche-Hof, weil er alte Nutztierrassen vor dem endgültigen  Aussterben bewahrt. Die Kühe, die ich von der Weide zum Stall begleitet habe, sind Angler-Rinder alter Zuchtrichtung. Etwa 340 reinrassige Exemplare gibt es noch von den Tieren, die ihren Namen von der schleswig-holsteinischen Halbinsel Angeln haben, 33 von ihnen genießen ihr Dasein in Everode. Durch kreuzungsfreie Zucht versuchen die Leute von Hof Luna und einige andere Halter die Zahl zu vergrößern.

Der Besuch in Everode ist auch ein Ausflug in die Skurrilitäten und Absurditäten des Umgangs der Gesellschaft mit der Nahrungsmittelproduktion. Am Rand des kleinen Dorfes haben sich einige Stadtmüde Häuschen gebaut, die nicht von geschmackvoller Architektur zeugen. Andrea muss schmunzeln, als sie davon berichtet, wie einer der Neubürger einen Getreide erntenden Landwirt nach seiner Sondergenehmigung fragte. Es sei schließlich Sonntag und da wolle man seine Ruhe haben. Landwirtschaft nach Vorschrift – das geht noch nicht mal bei den Konvis. Auch, als einmal ein wild gewordener Bulle auf der Straße vor der Dorfschlachterei getötet werden musste, gab es heftige Diskussionen.

Die meisten  Gegensätze zwischen Ökolandwirtschaft und Agrarindustrie sind offensichtlich. Andere dagegen sind subtil. Ich erfahre einiges von den positiven Eigenschaften der Angler-Kühe wie z. B. die gute Grundverwertung des vorhandenen Futters,  ihre gute Gesundheit, ihre Eignung für schwieriges Gelände. Bauer Bertram weist auf eine Weide am Waldrand hin, die der Hof erst vor kurzem gepachtet hat. “Die Fläche war schon leicht verbuscht”, erklärt er. Pflanzen, die dort nicht hingehören, haben Gelegenheit, sich auf den Weiden auszubreiten, weil konventionelle Bauern ihre Kühe erst spät im Jahr auf die Weide treiben. Wenn überhaupt. Viele so genannte Landwirte nehmen auch davon Abstand, ins Freie zu lassen, musste ich vor einigen Jahren erstaunt feststellen. “Machen wir nicht”, erklärte mir eine Bäuerin. “Wenn sie soviel rumlaufen, verbrauchen sie zuviel Kalorien!” Wilhelm Bertram dagegen:  “Wir brauchen eigentlich nur offenes Wasser.” Dann könnten die Kühe im Prinzip das ganze Jahr über draußen bleiben. Doch auch Öko-Landwirte müssen irgendwie über die Runden kommen und von ihrer Arbeit leben. Wir besuchen eine kleine Herde mit einigen Mutterkühen und ihren Kälbern. Monatelang haben die kleinen das Privileg, sich zusammen mit ihren Müttern  das saftige Gras schmecken zu lassen und ab und zu noch einmal einen tiefen Schluck von der guten Muttermilch zu nehmen. Trotzdem werden die Kälber den nächsten Winter nicht erleben. Bertram hofft, sie direkt an Restaurants zu vermarkten, die das hervorragende Fleisch der Angler-Rinder überzeugt hat. Eigentlich schade für die süßen Kleinen, die auf der Weide umher springen, denke ich, aber: wenn sie schon sterben müssen, haben sie vorher wenigstens anständig gelebt.\r\n

Die Angler-Rinder brauchen Hilfe

Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Auf Hof Luna gibt es keine Massentierhaltung, die Tiere werden zwar irgendwann gegessen, vorher aber anständig behandelt, nicht als Objekte, sondern als Lebewesen. Allerdings gelten die Vorschriften aus der Massentierhaltung auch für Biohöfe. Und darum ist der Kuhstall von Hof Luna an seiner Kapazitätsgrenze angelangt. Damit der Hof weiter am Erhalt der Angler-Rinder arbeiten kann, muss ein neuer Kuhstall her. Um das Projekt Kuhstallbau stemmen zu können, ist der Hof  dringend auf Spenden angewiesen. Auf der Homepage  kann man jede Menge Informationen bekommen und unkompliziert spenden.