Abseits der Touristen – Almabtrieb hinter den Kulissen

„Almabtrieb, paah!“ hatte mein Freund Otto aus dem Lechtal vor kurzem vernehmen lassen, als es um dieses alljährliche, bei Touristen beliebte Spektakel ging.
Weil der Almabtrieb zu Zeiten stattfinden muss, an denen auch die Touristen „können“, seien die Tiere manchmal schon einige Tage im Tal, bevor sie dann mit Blumen und riesigen Schellen geschmückt, aus einigen Metern Entfernung vom Ort zum Defilèe aufmarschieren – grad von der Alm gekommen.
Vermutlich hat mich sein Ärger über die allgegenwärtige Nutzung der alpenländischen Kultur zu kommerziellen Zwecken ein wenig beeinflusst: Jedenfalls habe ich mich nicht bemüht, pünktlich zur „Show“ in Steeg zu sein, sondern von vornherein beschlossen, ein wenig hinter die Kulissen zu schauen.
Steeg ist der letzte Ort im Tiroler Lechtal, bevor sich die Straße nach Warth hinaufschraubt. Dort, am Salober und am Hochtannbergpass, tummeln sich im Winter die Skifahrer, und auf der anderen Seite des Passes beginnt der Bregenzerwald. Stichwort Schnee: An den letzten Tagen ist ab 2.000 Metern Schnee gefallen, der Winter naht in Riesenschritten.

In Steeg angekommen, erlebe ich sogleich, dass die Kühe und Jungtiere den ihnen angelegten Schmuck sehr wohl zu schätzen wissen. Sie wollen ihn nämlich gar nicht wieder hergeben. Und es bedarf einiger Stunteinlagen hiesiger Frauen und Männer, um die Tiere einzufangen, so dass ich mich manchmal wie auf einem Rodeo fühle, im Wilden Westen Österreichs.
Oberhalb des Ortes werden die Tiere aufgeteilt, so dass jedes wieder in den richtigen Stall einzieht. Obwohl viele der jungen Leute, die hier zum Teil in Lederhose und mit blumengeschmückten Hüten beim Almabtrieb bzw. dessen Vorführung geholfen haben, gar nicht mehr auf einem Bauernhof leben oder arbeiten: Man merkt ihnen an, dass sie von kleinauf den Umgang mit Tieren gewöhnt sind. Eine hübsche junge Frau nimmt ganz selbstverständlich hin, dass sich eines der Jungtiere in Ermangelung eines passenden Baumes an ihr das Fell schrubbt. Dreck, und der ist hier nun einmal reichlich vorhanden, ist nun einmal etwas anderes als Schmutz, wie man ihn in der Stadt vorfindet.
Die Tiere werden zum Teil in riesige Lastwagen verladen, was bei mir zu schlimmen Ahnungen führt. Die werden doch wohl nicht auf einen … – doch als ich das böse Wort „Schlachthof“ gegenüber einem der Bauern in den Mund nehme, der gerade noch einmal einen Blick auf „seine“ Tiere im LKW-Anhänger wirft, ist der ganz entsetzt: Nein, die Tiere gehen an andere Bauern für die Nachzucht, ihr Leben geht weiter. Klar, sagt er, irgendwann landen sie alle einmal beim Metzger. Aber diese Tiere haben ein Leben gehabt, ganz im Gegensatz zu den Turbokühen, denen man nicht einmal mehr Auslauf gewährt, aus Angst, sie könnten zuviel Kalorien verbrauchen.
Ich finde wirklich, man sieht den Männern und Frauen hier an, dass sie Freude an der Arbeit mit Tieren haben. Am Ende, als alle „Viacher“, wie man hier sagt, dort oder auf dem Weg dorthin sind, wo sie hingehören, blicke ich in zufriedene, ja glückliche Gesichter. Das Gruppenbild, zu dem ich eine Familie bitte, zeigt das deutlich.
Der Winter kann kommen. Und im nächsten Frühjahr geht es wieder auf die Alm. Ganz ohne Touristen.

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