Hände reichen über Grenzen

Ganz merkwürdig fühlt es sich an, 2015 über die Intitiative „Handwerkerinnen und Handwerker am Europäischen Haus“ zu schreiben. Denn, das, was damals, Ende der 1980ger Jahre wie Aufbruch wirkte, wie ein Neuanfang nach Zweitem Weltkrieg, nach der Teilung Deutschlands und Europas wegen der abscheulichen Verbrechen, die Nazi-Deutschland vor allem in Russland angerichtet hatte – heute scheint das alles ein ferner Traum. Scheinbar mühelos sind die Scharfmacher auf allen Seiten wieder aus ihren Löchern herausgekrochen, reden von Bedrohung und davon, dass man sich besser auf alles gefasst mache.

Nikolaus Huhn hatte schon, bevor er ein Jahr nach Moskau ging, um dort das Leben der Einheimischen zu führen und in seinem erlernten Beruf als Tischler zu arbeiten, keinen Hehl aus seiner politischen Überzeugung und Weltanschauung gemacht. Die Teilnahme an Protestaktionen gegen die Stationierung amerikanischer Atomraketen gehörte dazu wie viele andere Aktionen.

Doch der Plan, ein Jahr lang in Moskau als Tischler zu arbeiten, stellte noch einmal ein ganz eigene Herausforderung dar. Organisierte Austauschprogramme gab es und die Bundesregierung war durchaus bereit, ihn dabei zu unterstützen. Der Plan jedoch, ganz „normal“ in Moskau zu leben, das Geld zu verdienen, was die einheimischen Kollegen bekamen und in der zumindest damals üblichen Wohnsituation zu leben, also mit zwei bis drei Familien in einer großen Wohnung: das alles überforderte dann doch die wohlmeinenden Völkerverständler in den Ministerien. Nikolaus Huhn schaffte es trotzdem. Und gründete einige Zeit nach seiner Rückkehr nach Deutschland den Verein „Handwerkerinnen und Handwerker am gemeinsamen Europäischen Haus“, der den Austausch zwischen russischen und deutschen Handwerkern zum Ziel hatte.

Moskau in Zeiten des Aufbruchs

Die ersten drei Handwerker, die aus Moskau nach Deutschland kommen werden, um in Betrieben in Köln, Hamburg und München zu hospitieren, werde ich für einige Tage in Moskau begleiten, später dann in Deutschland noch einmal.

Die eigentlich notwendige Einladung, ohne die man ihn Moskau als Ausländer eigentlich gar nicht wohnen darf, wird irgendwie umgangen. Ich weiß nicht, wie, aber ich wohne schließlich bei Sergej, einem Holzbildhauer, der, wie alle Russen, Vorratswirtschaft betreibt. Ein Zimmer der eigentlich für ihn und seine Mutter viel zu großen Wohnung, ist bis zum Bersten gefüllt mit Holzstämmen, die der Bearbeitung harren. Der Boden wellt sich nach unten, ich mache mir Sorgen um die Leute unter uns.

Ich bekomme einen kleinen Einblick in das Leben der „normalen“ Leute und merke beschämt, wie schwer es mir fällt, mich auf dieses karge, unsichere Dasein einzulassen. Immerhin habe ich so auch die Gelegenheit, eine der zahlreichen Skurrilitäten des sowjetischen Alltags zu erleben: Abends essen wir manchmal Kaviar zum Brot. Schmeckt gar nicht so übel. Sergeys Mutter arbeitet als Putzfrau im Kreml ….

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