Was ist denn jetzt los? Ich stehe auf dem Nürnberger Bahnhof, wo ich gerade aus dem Zug ausgestiegen bin, der mich aus Augsburg hierher gebracht hat. Und irgendwie vibriert alles, also ich vibriere. Ich fühle mich ein wenig schwindlig, aber es ist kein unangenehmes Gefühl, eher eins von überbordender Energie, die im Moment nicht so richtig weiß, wohin mit sich. Unglaublich lebendig.

Einige Stunden später lasse ich im ICE nach Hannover den Tag Revue passieren. Ich bin früh aufgestanden im Lechtal, habe mir ein stärkendes Frühstück gemacht, habe dann mein Zimmer aufgeräumt und alles sauber gemacht. Ich nehme einen Moment Abschied von meinem kleinen Zuhause in den Bergen. Ich werde zwar schon bald wieder da sein, aber so, wie ich es jetzt verlassen habe, freue ich mich jetzt schon auf den nächsten Aufenthalt.

Mein wie immer zu umfangreiches Gepäck die steile Stiege herunter zu schaffen, ist mal wieder eine Herausforderung, zumal am Treppenfuß ein begeisterter Riesenschnauzer wartet, der mir unbedingt einen Morgenschleck aufdrücken möchte.

Meine beiden fast 80jährigen guten Freunde Otto und Hildegard sitzen in der Küche und fragen sofort besorgt, ob ich ordentlich gefrühstückt habe. Vor einigen Tagen habe ich einen ganz schönen “Anschiss” bekommen. Mir ist rausgerutscht, dass ich für den zehneinhalbstündigen Berg-Foto- und Filmtag vor zwei Tagen als Proviant zwei Birnen und zwei kleine Schokoriegel mitgenommen hatte. Entsprechend fertig war ich, als ich wieder im Tal war. Nur von schönen Motiven, von Luft und Liebe kann man nicht leben, wenn man am Tag ein paar Tausend Kalorien verbraucht.

Ich nehme noch einen Kaffee und eine Semmel bei den beiden zu mir und packe dann schließlich mein Auto, das ich in Augsburg abgeben muss. Alles ist ziemlich genau getimt, zwischen dem spätesten Rückgabetermin für das Car-Sharing-Auto und der Abfahrt liegen 35 Minuten, kein Problem, denn der Bahnhof ist nah.

Als Abschiedsroutine folgt immer ein Gang zum Lech oder ein Anhalten unterwegs. Manchmal meditiere ich mich in den Abschied hinein oder überlasse dem Lech ein paar von den unschönen Gedanken, die mich begleiten. Irgendwann hat mir eine erfahrene Frau, die lange bei Indianern gelebt hat, erklärt, dass diese solange auf einen Fluss starren, bis der schließlich still steht und sie selbst in Bewegung geraten. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es klappt, aber als es dann doch so weit war, habe ich mich furchtbar erschrocken. Mittlerweile macht mir das keine Angst mehr, ich komme relativ schnell hinein.

Ich gehe zu einer mir vertrauten Stelle – für alle Fälle habe ich die Camera dabei – an der ich schon oft gesessen habe und mental in den Fluss eingetaucht bin. Und praktisch vom ersten Moment an nimmt mich eine kleine Stromschnelle in ihren Bann. Für mich war Fotografie von Beginn an ein Weg die Welt zu begreifen, Menschen und Zusammenhänge zu verstehen. Früher dachte ich dann oft, nein, jetzt muss die “Knipse” mal ruhen, aber ich weiß mittlerweile, wann ich die Kamera zur Hand nehmen muss. So wie hier.

Ein kurzer Blick zur Uhr, es ist noch Zeit. Blöd nur, dass ich das Stativ im Auto gelassen habe. Hätte eh nicht geholfen, denn ich will so nahe wie möglich an das gurgelnde, rauschende Wasser heran. Also mache ich es mir auf den Steinen am Ufer mal so richtig unbequem, lege mich lang hin, um auch einen Blick durch den Sucher zu ermöglichen. Blöd auch, dass ich vergessen habe, an die neue Kamera einen Tragriemen zu befestigen. Ich muss also sehr vorsichtig sein, damit sie mir nicht ins Wasser fällt. Meine Jacke dient als Unterlage, damit die Kamera auf dem Stein im Armlänge vor mir ruhig liegt und dann kann es endlich losgehen.

Als ich mich endlich losreißen kann, sagt das Navi, “kein Problem, das schaffst du”. Ein Stau wäre jetzt allerdings schlecht. Aber es geht alles gut auf der Fahrt nach Augsburg. Die Wasserenergie hat mir Flügel gegeben. Ich bin frei und ohne jede Angst. Was mich an diesem Zustand fast am meisten freut, ist, wie liebevoll ich mit anderen Menschen umgehen kann, wenn es mir so geht. Danke an die Berge, danke an’s Wasser und danke dem Universum, das mich hält.