Es rinnt, es rauscht – Mein ewiger Kalender zum Thema Wasser

Wasser fasziniert mich und damit bin ich natürlich nicht allein. Es war mir eine große Freude, diesen kleinen Kalender zu erstellen und ihn mit einigen meiner Wasserbilder zu verschönern. Viele der Bilder sind im vergangenen Jahr entstanden, in dem ich viel in den Bergen unterwegs war. Es sind aber auch Motive dabei, die 30 Jahre alt sind. Wie man also sieht: Die Faszination für das Thema Wasser ist bei mir nichts Neues.

Ich würde mich sehr freuen, wenn der Kalender regen Zuspruch bekommt und bin gespannt auf Kommentare.

Und wer sich darüber hinaus für Fotos zum Thema “Wasser” interessiert, für den geht’s hier entlang.

Abseits der Touristen – Almabtrieb hinter den Kulissen

„Almabtrieb, paah!“ hatte mein Freund Otto aus dem Lechtal vor kurzem vernehmen lassen, als es um dieses alljährliche, bei Touristen beliebte Spektakel ging.
Weil der Almabtrieb zu Zeiten stattfinden muss, an denen auch die Touristen „können“, seien die Tiere manchmal schon einige Tage im Tal, bevor sie dann mit Blumen und riesigen Schellen geschmückt, aus einigen Metern Entfernung vom Ort zum Defilèe aufmarschieren – grad von der Alm gekommen.
Vermutlich hat mich sein Ärger über die allgegenwärtige Nutzung der alpenländischen Kultur zu kommerziellen Zwecken ein wenig beeinflusst: Jedenfalls habe ich mich nicht bemüht, pünktlich zur „Show“ in Steeg zu sein, sondern von vornherein beschlossen, ein wenig hinter die Kulissen zu schauen.
Steeg ist der letzte Ort im Tiroler Lechtal, bevor sich die Straße nach Warth hinaufschraubt. Dort, am Salober und am Hochtannbergpass, tummeln sich im Winter die Skifahrer, und auf der anderen Seite des Passes beginnt der Bregenzerwald. Stichwort Schnee: An den letzten Tagen ist ab 2.000 Metern Schnee gefallen, der Winter naht in Riesenschritten.

In Steeg angekommen, erlebe ich sogleich, dass die Kühe und Jungtiere den ihnen angelegten Schmuck sehr wohl zu schätzen wissen. Sie wollen ihn nämlich gar nicht wieder hergeben. Und es bedarf einiger Stunteinlagen hiesiger Frauen und Männer, um die Tiere einzufangen, so dass ich mich manchmal wie auf einem Rodeo fühle, im Wilden Westen Österreichs.
Oberhalb des Ortes werden die Tiere aufgeteilt, so dass jedes wieder in den richtigen Stall einzieht. Obwohl viele der jungen Leute, die hier zum Teil in Lederhose und mit blumengeschmückten Hüten beim Almabtrieb bzw. dessen Vorführung geholfen haben, gar nicht mehr auf einem Bauernhof leben oder arbeiten: Man merkt ihnen an, dass sie von kleinauf den Umgang mit Tieren gewöhnt sind. Eine hübsche junge Frau nimmt ganz selbstverständlich hin, dass sich eines der Jungtiere in Ermangelung eines passenden Baumes an ihr das Fell schrubbt. Dreck, und der ist hier nun einmal reichlich vorhanden, ist nun einmal etwas anderes als Schmutz, wie man ihn in der Stadt vorfindet.
Die Tiere werden zum Teil in riesige Lastwagen verladen, was bei mir zu schlimmen Ahnungen führt. Die werden doch wohl nicht auf einen … – doch als ich das böse Wort „Schlachthof“ gegenüber einem der Bauern in den Mund nehme, der gerade noch einmal einen Blick auf „seine“ Tiere im LKW-Anhänger wirft, ist der ganz entsetzt: Nein, die Tiere gehen an andere Bauern für die Nachzucht, ihr Leben geht weiter. Klar, sagt er, irgendwann landen sie alle einmal beim Metzger. Aber diese Tiere haben ein Leben gehabt, ganz im Gegensatz zu den Turbokühen, denen man nicht einmal mehr Auslauf gewährt, aus Angst, sie könnten zuviel Kalorien verbrauchen.
Ich finde wirklich, man sieht den Männern und Frauen hier an, dass sie Freude an der Arbeit mit Tieren haben. Am Ende, als alle “Viacher”, wie man hier sagt, dort oder auf dem Weg dorthin sind, wo sie hingehören, blicke ich in zufriedene, ja glückliche Gesichter. Das Gruppenbild, zu dem ich eine Familie bitte, zeigt das deutlich.
Der Winter kann kommen. Und im nächsten Frühjahr geht es wieder auf die Alm. Ganz ohne Touristen.

Schlafes Bruder

Richtig eingestiegen in dieses fotografische Thema bin ich, als ich durch die Korkeichenwälder im portugiesischen Alentejo streifte. Das ist eine Landschaft von herber archaischer Schönheit. Plötzlich liegt ein Lamm, vor mir, scheinbar völlig entspannt scheint es in der Mittagshitze ein Schläfchen zu halten. Doch, als ich noch überlege, wie ich mich zurückziehen kann, ohne es zu stören, ist mir klar: Es ist tot. Vielleicht hat es seine Mutter verloren und ist verhungert oder es war krank. Der Lauf der Natur und trotzdem hat es mich berührt.

Deutschland ist kein Land, in dem wilde Tierherden umherziehen. Auch die Tiere, die nicht in industrialisierter Landwirtschaft gequält werden, sind weitestgehend an den Menschen gewöhnt.
Trotzdem habe ich das Gefühl, in eine andere Welt zu schauen, wenn ich auf dem Feld eine Gruppe Rehe beim Äsen, einen Fuchs bei einer nächtlichen Autofahrt am Waldrand entlang streichen oder einen Dachs über einen Waldweg huschen sehe. Sie leben mit uns, aber nicht unter uns – sie halten Distanz. O.K., die Geschichten, die man über Füchse in Berlin liest, sprechen eine andere Sprache.

Gestorben. Ein totes Reh liegt nur wenige Meter entfernt von einer viel befahrenen neben einem Schilderpfahl im Gras. Äußerlich unverletzt liegt es wie völlig entspannt auf dem Rücken im Gras. Es zeugt von den Millionen Tieren, die jährlich durch den Straßenverkehr zu Tode kommen. Oft sehen die Tiere entsetztlich verstümmelt aus, dieses hier scheint äußerlich unverletzt, hat den Aufprall aber trotzdem nicht überlebt. (bilder wie worte | Jo Achim Werner)  Gestorben. Ein toter Marder am Straßenrand zeugt von den Millionen Tieren, die jährlich durch den Straßenverkehr zu Tode kommen. (bilder wie worte | Jo Achim Werner)Toter Dachs am Straßenrand. Millionen von Tieren kommen in jedem Jahr durch den Straßenverkehr ums Leben. (bilder wie worte | Jo Achim Werner)
Mir suggerieren diese Tiere einen Rest an Wildheit in einer durch und durch geplanten, nach Kosten und Effizienz bestimmten Welt, in der die Natur nicht mehr als unser Ursprung gilt, sondern eine Rolle spielt.
Plötzlich stoße ich dann auf eines dieser Tiere: Bewegungslos und scheinbar schlafend, völlig entspannt und äußerlich unverletzt ruhen diese Opfer von Verkehrsunfällen am Straßenrand oder unweit der Straße auf einem Getreidefeld.
Merkwürdig: Jedes Mal denke ich, im nächsten Moment springt es auf und läuft davon. Atmet es noch? Die plötzliche Nähe verwirrt, das, was gerade noch so fern war, liegt nun direkt vor mir: Zum Greifen nah!

Hochzeitsfotografie – Live dabei am Tag der Tage

Das Kapitel Hochzeitsfotografie – ich hatte damit fast abgeschlossen. Aber genug damit. Mit manchen meiner Ideen war ich meiner Zeit voraus, jetzt, wo es auch andere begriffen haben, gibt es keinen Grund, sich beleidigt davon zu machen. Eigentlich fotografiere ich Hochzeiten nämlich gern! Warum? Nun, weil sie einmalig sind! Meistens! Als geborener Fotojournalist habe ich ein Gespür für authentische Situationen entwickelt, laufe ständig mit neugierigem Blick und wachen Augen herum, immer bereit, diesen einen unwiederbringlichen Moment einzufangen. Sie suchen Jemanden, der nicht solange an Ihnen und Ihrer Partnerin/Ihrem Partner herumbiegt, bis alles den Hochglanzfotos hz_020509_02_dsc_2383aus den Hochzeitsmagazinen gleicht. Der nicht mit Ihnen bespricht, wie Sie stehen müssen, wenn Sie die Torte anschneiden. Sie müssen keine Angst haben: Die klassischen Brautpaarfotos für die Anrichte von Tante Ida werden natürlich auch gemacht.
Meine Idealvorstellung von einer Hochzeitsreportage: Ich erzähle Ihre/Eure Geschichte bzw. den vorläufigen Höhepunkt derselben. Diesen Tag, der so viel von einem wohlgeordnetem Chaos hat, der die Gefühlswellen durchaus schon einmal über die Beteiligten zusammenschlagen lässt, diesen Tag also so nah wie möglich zu begleiten, das ist mein Ding.Und es ist – auch für den Fotografen – ein Riesen-Erlebnis. Denn ich bin überall dabei, wo Sie es wollen.

Hochzeitsgeschichten

 1. Geschichte

Als wir beim Brautpaar ankommen, steht er in Unterhose am Bügelbrett und bügelt sein weißes Hemd. Anschließend ziehen sich Braut und Trauzeugin (spätestens an diesem Tag erfährt man, wofür man/frau beste Freunde und Freundinnen hat) in das Ankleidezimmer zurück. Der Bräutigam ruft aus dem Erdgeschoss: “Ich habe mir doch eben ein Brot geschmiert, wo ist denn das jetzt?” Ich rufe zurück: “Hier oben, auf dem Tisch neben dem Treppengeländer.”  Ich hatte die angebissene Stulle gerade fotografiert. Mein Assistent und ich warten in dem kleinen Flur darauf, die ersten Bilder von der Braut im Kleid zu machen, als die Tür zum Schlafzimmer bww-hp_hochzeit-0349aufgeht und die Braut fragt: “Oder wollen Sie jetzt schon anfangen?” Im Höschen. Mein Assistent, nebenbei mein Sohn und damals noch ziemlich jung, tut einen tiefen Atemzug. Ich gehe mit rein ins Zimmer und – oh Schreck – vor drei Monaten hat das Kleid doch noch gepasst. Da war der Bauch noch nicht so dick. Nach mehreren Versuchen haben die beiden aber den Dreh raus. Nun noch das Strumpfband anlegen – dazu später mehr. Die anschließenden Fotos im Park – vor der Trauung, wie ich allen Paaren nur raten kann – brachte mich an den Rand meiner Leistungsfähigkeit. Die beiden machten wirklich jeden Spaß mit und wenn mir nichts mehr einfiel – Ihnen fiel bestimmt noch etwas ein. Wie schon gesagt: Die Emotionen wallen hoch. Es war eine wunderschöne Trauung. Zwei, die sich gefunden hatten, die sich lieben, ein entstehendes Leben, dazu ein reizendes kleines Mädchen aus einer älteren Beziehung, es war wirklich rührend. Nach der Trauzeremonie und der Segnung durch den Pastor gehen die beiden zu ihrem Platz zurück. Auf dem Weg bleibt etwas liegen, der hilfsbereite Gottesmann eilt nichtsahnend und hilfsbereit hinterher – um das Strumpfband aufzuheben. Die Kirche hat vor Lachen gebebt. Und ich glaube, der liebe Gott hat an diesem Tag seine Freude gehabt.

2. Geschichte

Der Standesbeamte war echt geplättet: “Sie sind der erste Fotograf, der eine vor Glück weinende Braut fotografiert hat!” erklärt er mir anerkennend. Ihr Kollege beim Rausgehen aus dem Standesamt zur Braut: Also, das hätte ich nicht gedacht, dass Du weinen kannst!” Tja. Und glauben Sie mir, liebe Braut und lieber Bräutigam: in zwanzig Jahren werden Sie die Bilder betrachten und genau wieder so fühlen wie damals. Weil die Bilder echt waren. Und auch dann noch immer sind.

3. Geschichte

hochzeit_0724Wieder so ein tolles Paar.  Wir stehen also im Park und machen Paarfotos. Sein Trauzeuge hat ein Lachen drauf – einfach ansteckend. Die beiden sind begeisterte Tänzer und lassen sich vom holprigen Waldboden nicht davon abhalten, für mich das Tanzbein zu schwingen. Dreihundert Meter vom Auto entfernt erwischt uns plötzlich ein sommerlicher Platzregen, der es in sich hat. Ich renne und schlingere also zum Auto, um einen Schirm zu holen. Doch nass waren wir trotzdem, zum Glück konnte die Braut mit einem meiner Aufheller ihre Frisur retten. Doch die gute Laune verliert heute niemand. “Kommen Sie, jetzt trinken wir zuhause erst mal einen Kaffee auf den Schreck”, sagt sie.Dort angekommen bekommt ihre Mutter angesichts des 10-cm-hohen Dreckrands am Hochzeitskleid fast einen Schreikrampf – und schlägt mir die Tür vor der Nase zu. Dabei hatte ich das Wetter gar nicht bestellt. Aber am Abend haben wir uns wieder vertragen.

Es gibt einen sehr schönen Satz eines amerikanischen Kollegen, den ich gern immer wieder zitiere, weil ich glaube, dass er ein wenig auch meine Arbeitsweise charakterisiert: “Wenn Sie sich später die Fotos ansehen, dann sollen nicht nur die Bilder Ihr Herz erfreuen, sondern auch die Erinnerung an das Fotografiert-Werden.”

hochzeit_teich

Schönes armes Sizilien

In drei Wochen wird man nun fürwahr kein Experte für Sizilien. Aber man kann zumindest konstatieren, dass man die Region und die Menschen ein wenig kennengelernt hat. Es schmerzt, an die Begegnungen mit Godfredo und Luigi und andere zu denken und dann einen Artikel im Spiegel zu lesen mit dem Tenor “Alle wollen weg!

Lipari ist die größte der 7 Liparischen oder Äolischen Inseln, die sich nördlich von Sizilien im Thyrenischen Meer verteilt haben. Sie sind vulkanischen Ursprungs. Zwei Vulkane, Stromboli und Vulcano, sind aktiv. | Lipari is the main island of the  7 Aeolian Islands that are located in the thyrennean sea north of Sicily. All the islands are born out of volcanic activity which is still active on Stromboli and Vulcano. (ACHIM WERNER)

 

Sizilien hat eine unglaublich reiche Kultur, die von Arabern, Spaniern, Griechen und vielen anderen Völkern geprägt wurde. Multi-Kulti im Mittelalter gewissermaßen. Und dieses reiche Erbe begegnet einem überall, wenn es nicht gerade einem Bauprojekt zum Opfer fällt wie in Palermo. Ob die Mafia daran beteiligt ist oder nicht, spielt eigentlich gar keine Rolle, die Unfähigkeit der Behörden reicht völlig aus.

Im besagten Spiegel-Artikel ist von Milliarden die Rede, die die EU und die römische Regierung für den armen Süden bereitgestellt haben, die nicht einmal abgerufen werden. Und wenn doch, dann werden sie für Prestigeobjekte verpulvert, die kein Mensch braucht.

Als ich im März in Sizilien war, fuhr ich über sieben Stunden mit dem Bus von Catania an der Ostküste bis Trapani an der Westküste.  Die Strecke ist 400 km lang und man bekommt eine Menge zu sehen, zumal es mein erster Besuch war. So wurde mir die Zeit nicht lang. Interessant ist, dass Google im Routenplaner keinen Vorschlag für eine Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln macht. Mit der Bahn ist es jedenfalls unmöglich, es sei denn, man hat 14 Stunden Zeit.

 (ACHIM WERNER)

Staat und Klerus – immer in vollem Ornat, aber meistens uneffektiv.

Und ich hatte noch Glück. Einige Tage später nämlich stürzte ein Teilstück der Autobahn ein, auf der ich unterwegs gewesen war. Wochenlang mussten danach die Bustouristen einen stundenlangen Umweg in Kauf nehmen. Da wären die römischen und die EU-Milliarden gut angelegt.

Höhepunkt meiner Reise nach Sizilien war die Settimana Santa in Trapani, die Karwoche. Von Karfreitag Nachmittag ziehen 24 Stunden lang viele Zentner schwere Skulpturen, die den Leidensweg Christi darstellen, getragen von bis zu 25 Männern, durch die Straßen. Jede der Skulpturen wird von einer Marschkapelle begleitet, die Trauermärsche spielt, die eine unglaublich suggestive Wirkung haben. Obwohl ich mich als Beobachter gefühlt habe, hat sich das Gefühl, eine Katharsis zu erleben, nicht unterdrücken lassen. Am Eindrucksvollsten war es für mich, die Teilnehmer in diesem uralten archaisch wirkenden Ritual zu beobachten. Die Männer absolvierten die Strapaze mit einer Würde, die mir manchmal vorkam wie aus einer anderen Zeit. Ein tiefes Gemeinschaftsgefühl ging von ihnen aus. Mir wurde eben auch klar, wie schwer es in Sizilien sein muss, sich gewissen Gruppierungen zu verweigern. Nicht wenige der Männer liegen sich, nachdem die Skulpturen nach 24 Stunden wieder sicher in der Chiesa Purgatorio angekommen sind, weinend in den Armen. Die Gemeinschaft ist den Italienern wirklich heilig.

Die Mysterien von Trapani sind eine jahrhundertealte Tradition, die ursprünglich nur von Mitgliedern der Handwerkerzünfte der Stadt unterhalten wurde. Bis zu 25 junge Männer tragen von Karfreitag bis Ostersamstag ununterbrochen 24 Stunden lang Hunderte Kilo schwere Skulpturen durch die Straßen der Stadt, begleitet von Blaskapellen, die Trauermärsche spielen. Der Brauch ist Höhepunkt der Osterwoche, der Settimana Santa, und kam wahrscheinlich aus Spanien nach Italien herüber. | The Mysteries of Trapani are a tradition that dates back to the 16th century. Members of the citys guilds carry skulptures, that weigh hundreds of kilograms through the city accompanied by brass bands that are playing funeral marches. It lasts 24 hours from Good Friday through the day before Easter. The tradition is the climax of the Holy Week, the Settimana Santa and problably was brought to Italy centuries ago from Spain. (JO ACHIM WERNER/Jo Achim Werner|Bilder wie Worte)

Aber das Gemeinschaftsgefühl hat offenbar einen bündischen Charakter. Ich glaube nicht, dass wir Deutschen da soviel weiter sind, aber der Ausbruch (!) des Inhabers einer Pizzeria auf der Insel Stromboli, die ihren Namen vom gleichnamigen, immerzu Rauch und Feuer speienden Vulkan hat, war eindeutig. “Es gibt hier einfach keinen Gemeinsinn”, so seine Analyse. “Wenn ich jünger wäre”, regte er sich auf, “ich wäre sofort weg von hier. Ich würde Frau und Kinder nehmen und nach Australien gehen.” Aber es sei zu spät. Selbst eine Pizzeria aufzumachen, sei in Sizilien ein Problem, klagte er. Der eine Nachbar hat diesen Einwand, der andere jenen. Mal abgesehen von den Behörden, die für Genehmigungen Wochen, wenn nicht gar Monate brauchen. “Dabei gäbe er drei Leuten Arbeit”, schimpfte Maurizio. Aber das würde einfach niemanden interessieren. Und eine verlorene Touristensaison in Sizilien ist eine verlorene Saison. Italiener gehen kaum noch zum Essen. Sie können es sich nicht mehr leisten.

Für Nordeuropäer sind das alles keine Gründe, nicht nach Sizilien zu fahren. Sizilien muss man gesehen haben.

Meine Foto-Seminare im Oktober diesen Jahres eignen sich hervorragend auch zur Mitreise von nicht fotografierenden Partnern.

Der Traum vom Fliegen

He, kannst Du mir ein paar Bilder schicken”, ruft da einer über mir. “Die Adresse steht auf dem Schirm, da gibt”s eine E-Mail-Adresse”. Ich bin irritiert, doch dann weiß ich, wer da gerufen hat. Er “steht” einige Meter über mir in der Luft unter einem Paragliding-Schirm.

Starke Aufwinde an einem schönen Sommertag sorgen für optimale Paragliding-Verhältnisse an der Ostsee-Steilküste in der Nähe von Boltenhagen in Mecklenburg-Vorpommern. | Great wheather for Paragliding. Strong upcurrents on a beautiful sommer day make fine paragliding conditions at the baltic sea coast in Mecklenburg-West Pomerania. (ACHIM WERNER)

Mit Corinna und Reinhard, meiner Kusine und ihrem Freund sind wir aus Lübeck mit dem Fahrrad hierher gefahren, an diesem Traumtag im bisher nicht so glanzvollen Sommer. Und hier herrscht ein richtiges Gedränge. Piloten mit Segelflugmodellen steuern ihre Flieger, die zum Teil weit über ein Meter Spannweite haben, mit einer Leichtigkeit, die verblüfft. Mit einem scharfen Sirren rasen die eleganten Dinger an uns vorbei, müssen nur ab und zu in höhere Gefilde, wenn einer der Paraglider nur wenige Meter vom Steilufer an uns vorbeischwebt. Zahlreiche Radtouristen haben einen kleinen Abstecher vom ehemaligen Kolonnenweg der Volksarmee gemacht, der nahezu an der gesamten Ostseeküste der Ex-DDR entlangführt und auch sonst mit grandiosen Ausblicken verwöhnt. Was bei den Paraglidern so leicht und spielerisch aussieht, entpuppt sich als ein Sport für Könner, wenn die Profis starten und landen. Die steife Brise zerrt wie verrückt am Schirm und wer denselben bei der Landung etwas übereilt aus dem Wind dreht, der kann auch schon mal ein Meter ab vom Schuss ins Kornfeld plumpsen. Schade, vor 20 Jahren hätte ich mich sofort zum Basiskurs angemeldet. Zumal, nachdem ich mir Videos auf der oben genannten Homepage angesehen habe. Da wird der Traum vom Fliegen wirklich wahr. Wer will, darf mitträumen: www.paraglidingspots.com

Über Orte – Zum Beispiel Duisburg

Duisburg zum Beispiel. Ist so ein Ort. Ein Platz, mit dem ich viele Erinnerungen verbinde, der mittlerweile jedoch im öffentlichen Bewusstsein und auch für mich seine Bedeutung völlig verändert hat. Ich war etwa acht Jahre alt, als wir einen Familienausflug von Hannover aus zu Verwandten meines Vaters in Duisburg machten. Das war Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch eine richtige Reise, für meinen Bruder und mich vor allen Dingen eine völlig unbekannte Welt. Ich erinnere mich an so gut wie gar nichts. Aber ein Erlebnis hat sich in meine Netzhaut eingebrannt. Wir standen am Ufer eines Flusses, wahrscheinlich war es die Ruhr, hinter uns eine Kokerei oder ein Stahlwerk. Plötzlich stieß dieses Monster mit Getöse eine riesige Wolke giftgelben Rauches aus einem Schornstein, der die gesamte Gegend einnebelte. Als Landei aus einem niedersächsischen Dorf war schon die Industrie in Duisburg so etwas wie ein Paralleluniversum, aber dann dieser Rauch – in dieser Farbe. Einfach irre! Nicht nötig zu erwähnen, dass niemandem damals auch nur der Gedanke an gesundheitliche Gefahren und die Notwendigkeit von Filteranlagen oder dergleichen Schnickschnack kam. Deutschland war halt mit dem Wiederaufbau beschäftigt.

rheinhausen_2960-940x728

Wut, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit: die Arbeiter des Krupp-Stahlwerks an der Brücke über den Rhein.

Über dreißig Jahre später, 1988, bin ich wieder in Duisburg. Die Erzählungen meines hochgeschätzten Professors Jörg Boström über seinen Einsatz, gemeinsam mit Roland Günther, zum Erhalt der Bergarbeiter-Siedlung in Oberhausen-Eisenheim, hatte meine Neugierde auf den Ruhrpott und die Menschen dort neu entfacht. Die sogenannte Stahlkrise hat das Ruhrgebiet in Aufruhr versetzt. In Duisburg-Rheinhausen soll das dortige Stahlwerk geschlossen werden. Am 10. Dezember 1987 besetzen Arbeiter die Brücke über den Rhein zum Stadtteil Hochfeld; während des ganzen Winters 1987/88 folgen große Demonstrationen gegen die Schließung des verbliebenen Hüttenwerks. Am 20. Januar 1988 dann ziehen 50.000 Stahlarbeiter aus über 60 Hüttenwerken zur Brücke und benennen sie symbolisch in “Brücke der Solidarität” um, ein Begriff, der sich mittlerweile eingebürgert hat. Meine Erinnerungen an diesen Tag: Es gibt keinen Friseur, keinen noch so kleinen Laden in Rheinhausen und Umgebung, der nicht mit Solidaritätsadressen geschmückt ist. Es liegt eine ungeheure Spannung in der Luft, der Gemütszustand der Stahlkocher schwankt irgendwie zwischen unbändiger Wut auf “die da oben” und Sorge um die Zukunft des Arbeitsplatzes, der Familie, der Kinder. Ein Arbeiterpfarrer, der heutige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Nicolaus Schneider,  redet ruhig mit den Männern, versucht auszugleichen. Ich gebe zu, ich bin zwiespältig. Die Fahrt durch Duisburg bei diesigem Winterwetter – da fragt man sich schon, was einen hier hält. Nichts als Industrie, Lärm, Gestank, Umwelt-verschmutzung. Auf der anderen Seite imponiert mir der Menschenschlag hier und ich empfinde eine riesige Faszination für dieses industrielle Herz Deutschlands und die Vorstellung, welche ungeheuren Mengen Stahl hier produziert wurden und werden, für Eisenbahnschienen, Brücken, Gebäude – und Waffen. Der Zwiespalt verschwindet, wenn ich in die Gesichter der Arbeiter schaue. Ich bin auf ihrer Seite.

Wieder 25 Jahre später: Ein neuer Besuch in Duisburg zusammen mit meiner Frau. Eigentlich wollen wir Benjamin, unseren Sohn, besuchen, der hier studiert. Aber wir sind nicht schnell genug; er besucht seine Freundin in München. Immerhin haben wir dadurch seine Wohnung für uns. Der erste Besuch soll natürlich zur Brücke führen, doch da regt sich nichts. Zweieinhalb Jahrzehnte sind eine lange Zeit, das Stahlwerk, dessen Schließung nicht verhindert werden konnte, ist einem Logistik-Terminal gewichen. In den zwei Tagen, die wir in Duisburg sind, komme ich noch oft auf meinen oben beschriebenen Zwiespalt zurück.

Silhouette eines Stahlwerkes in Duisburg, Germany | Silhoutte of a steel mill, Duisburg, Germany (ACHIM WERNER)

Silhouette eines Stahlwerkes in Duisburg, Germany | Silhoutte of a steel mill, Duisburg, Germany (ACHIM WERNER)

 

 

Nur wenige Hundert Meter von seiner Wohnung entfernt hat sich ein Jahr zuvor die Love-Parade-Katastrophe mit über 20 Toten ereignet. Das kapiere ich allerdings erst auf den zweiten Blick. Im Vorbeifahren denke ich zunächst, hier hat es einen Unfall gegeben, deshalb stünden dort so viele Kerzen. Dann kommt ganz schnell  die Erkenntnis, dass “es hier passiert ist” und irgendwie packt mich das Grauen. Später versuche ich, mich dem Grauen mit der Kamera zu nähern. Es ist ein schöner Sommertag.

Sicht aus dem dunklen Tunnel auf die Rampe, die der einzige Zu- und Ausgang bei der Loveparade 2010 in Duisburg war. Bei einer Massenpanik im Tunnel und dem Versuch über die Rampe zu entkommen, starben 21 Menschen, über 500 wurden verletzt, davon 41 schwer. Heute ist es Wallfahrtsstätte für Überlebende und Angehörige. | Memorial place for the people who died on 24 July 2010 at a stampede at the Love Parade, electronic dance music festival in Duisburg, North Rhine-Westphalia, Germany (ACHIM WERNER)

Wenige Menschen in der Nähe und ich fühle mich trotzdem unwohl. Und wirklich unglaublich: Junge Menschen haben sich durch diese düsteren stinkenden Tunnel schieben lassen, um einer Kultur zu frönen, die viele offenbar nur bekifft oder besoffen ertragen können. Ich sage das nicht, um die Opfer zu verhöhnen. Und wer bin ich eigentlich, über fremdartige Kulturen zu urteilen. Meine Kinder hätten unter den Besuchern, unter den Opfern sein können. Meine Wut hat einen anderen Ursprung: Haben die Toten hier etwas mit den Stahlarbeitern zu tun, die für ihre Arbeitsplätze kämpften, vor 25 Jahren? Ich denke ja. Sie sind tatsächlich auf dem Altar der Marketingbemühungen der Stadtverwaltung geopfert worden. Die sah endlich eine Chance, das Image der Verlierer- der Malocherstadt abzulegen. Der Stadt, der Region, die man mit einem unrasierten pflegelhaften Bullen Schimanski verbindet.\r\n\r\nJetzt sollte die hippe Jugend der Welt, der es vermutlich völlig egal ist, wo sie feiert, Duisburg mal eben einen neuen Anstrich verpassen. Die Stadt marschierte schnurstracks in die selbstgestellte Falle. Und die Verwaltung, an ihrer Spitze ein so bemühter wie überforderter Bürgermeister, ließ sich von einem geldgeilen Sonnenstudiokettenbesitzer (oder waren es Friseursalons?) in diese schlecht vorbereitete Veranstaltung drängen. Unsere doch so gelobte Infrastruktur und Verwaltung – Alle haben hier versagt. Die Polizei, die von ihrem hübschen Hauptquartier 10 Minuten zu Fuß gebraucht hätte? Alle unfähig!

Blick auf die Treppe, über die Besucher der Loveparade 2010 in Duisburg versuchten, der Massenpanik auf der zum Festivalgelände führenden Rampe zu entkommen. Es starben 21 Menschen, 500 wurden verletzt, davon 41 schwer. Heute ist es Wallfahrtsstätte für Überlebende und Angehörige. | Memorial place for the people who died on 24 July 2010 at a stampede at the Love Parade, electronic dance music festival in Duisburg, North Rhine-Westphalia, Germany (ACHIM WERNER)

Und warum das Alles? Wie gesagt, ein Imagewechsel sollte her. Das jedenfalls ist gelungen. Nach der Betroffenheit, der Trauer und der Wut, die sich an diesem Ort einstellen, bleibt mir als Besucher und Berichterstatter nur Zynismus: Ich sehe, die Stadtverwaltung hat dazugelernt: Es steht jetzt ein Wasserwagen bereit (Kein Trinkwasser!), damit Trauernde jederzeit die zahlreichen Blumengebinde wässern können.

Duisburg ist eine Stadt, in der ein Navi Sinn macht. Offenbar ist die Stadt so klamm, dass sie nicht einmal das meterhoch wuchernde Gras auf den Verkehrsinseln mähen kann. Verkehrsschilder sind im Grün verschwunden. Immerhin: Das Zentrum ist leicht zu finden, denn die Stadtväter haben sich ein Heizkraftwerk nur einige Minuten vom Rathaus entfernt hingestellt. Es ist von überall her gut zu sehen. Ich gehe weiter und erlebe eine Überraschung. Ich bin am Innenhafen, der vor weit über 100 Jahren angelegt worden war, weil der Rhein einfach sein Bett verlegt hatte und Duisburg dadurch “auf dem Trockenen saß”. Nun konnte Grubenholz für die zahlreichen Zechen und Getreide für hungrige Kumpel mitten ins Revier transportiert werden. Man sprach tatsächlich “von der Kornkammer des Reviers”. Nach dem Rückgang des Bergbaus war es still geworden um den Innenhafen. Doch Millionen von der EU machen eine gigantische Umbaumaßnahme möglich, orchestriert durch einen Masterplan des britischen Stararchitekten Sir Norman Foster.

Der Duisburger Innenhafen diente früher dem Transport von Grubenholz für die zahlreichen Bergwerke. Seit dem Niedergang des Bergbaus lag das Gelände lange brach. Alte Industriegebäude wie diese Getreidemühle links im Bild und moderne Neubauten bilden ein komplettes Stadtviertel. Der britische Stararchitekt Sir Norman Forster erstellte den Masterplan für die Wiederbelebung des Areals. | New buildings at the inner harbour, Duisburg. The area was orignally built for the transport of wood for the many coal mines in the North-Rine-Westphalian Rhein-Ruhr-Area and for the transport of food for hungry coal miners. It was long a neglected area. The renowned architect Sir Norman Foster designed the master plan for the reactivation fo the area with new buildings and the revival of old ones. (ACHIM WERNER)

Alte Speicherhäuser wurden instand gesetzt und haben Museen und Restaurants aufgenommen. Auf der anderen Seite des Hafens stehen Neubauten, die mich nicht so überzeugen. Ich erinnere mich an die Definition von Kitsch, wie sie Gudrun Scholz, meine Professorin für Designtheorie und Semiotik an der FH Bielefeld, geliefert hat. Kitsch ist es, wenn es nicht zusammen passt, erklärte sie. Das leuchtet mir ein. Der Pflug vor dem Fertighaus oder eben hier der alte Verladekran vor dem Versuch eines modernen Gebäudes. Vermutlich haben die Menschen, die darin beschäftigt sind, noch nie gearbeitet. Sie könnten genausogut in Frankfurt, London oder Kuala Lumpur sitzen. Hauptsache, die unmittelbare Umgebung ist austauschbar und der Internetzugang funktioniert. Vielleicht kehrt hier ja irgendwann einmal Leben ein.

 (ACHIM WERNER)

Am nächsten Tag essen wir in einem der neuen schicken Restaurants am Innenhafen zu Mittag. Es kann natürlich Zufall sein, aber die Bedienung ist unglaublich doof, das Essen ist schlecht und zu teuer. Und: Wir haben absolut keine Lust uns zu unterhalten. Ein paar Stunden später das absolute Highlight eines Duisburg-Besuchs, der Landschaftspark Duisburg-Nord.

Ein ehemaliges Stahlwerk zum Erkunden und ich erinnere mich an meine Faszination für die Menschen, die hier einmal gearbeitet haben. Wir klettern auf den 30 Meter hohen Hochofen. Ich stelle mir vor, wie dieses Monster jedesmal zum Schichtbeginn Dutzende von Arbeitern in seinen Bann gezogen hat, sie haben es gefüttert und umsorgt, so dass es ungestört Erz verdauen und Stahl ausscheiden konnte. Ich verstehe jetzt diese Männer umso besser. Ein harter Job, aber einer mit Perspektive. Wer den Ruhrpott verstehen will, muss so eine Anlage besuchen. Ach, übrigens: Am Eingang zum Landschaftspark gibt es ein schönes kleines Café. Die Bedienung ist total nett und der Kuchen super lecker. Wahrscheinlich Zufall und doch: Was für ein Gegensatz zum Innenhafen.

Five-Boats, ein Neubau von Star-Architekt Nicolas Grimshaw im Duisburger Innenhafen. Der  Innenhafen diente früher dem Transport von Grubenholz für die zahlreichen Bergwerke und sorgten für Nachschub für die hungrigen Bergleute. Seit dem Niedergang des Bergbaus lag das Gelände lange brach. Der britische Stararchitekt Sir Norman Forster erstellte den Masterplan für die Wiederbelebung des Areals mit zahlreichen Neubauten und renovierten und wieder zum Leben erweckten alten Industriebauten. |Five Boats, a modern office building in the Duisburg inner harbor, designed by architect Nicolas Grimshaw. The area was orignally built for the transport of wood for the many coal mines in the North-Rine-Westphalian Rhein-Ruhr-Area and for the transport of food for hungry coal miners. It was long a neglected area. The renowned architect Sir Norman Foster designed the master plan for the reactivation fo the area with new buildings and the revival of old ones. (ACHIM WERNER/bilder wie worte)

Zum Abschluss unseres Duisburg-Besuchs fahren wir noch einmal dorthin zurück. Schließlich bin ich Fotograf und die Architektur dort bietet jede Menge interessanter Motive. Wie z.B. das aluminiumverkleidete Bürogebäude “Five Boats”.
Ich versuche die beste Perspektive zu finden. Nur die Bushaltestelle stört. Zuviel Leben im Bild.